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Bestätigen immer mehr moderne Demokratien eine antike Theorie?

„Wir haben nun genügend dargelegt, wie eine Diktatur aus einer Demokratie entsteht“, dies schreibt Platon (ca. 428-348 v.Chr.) am Ende des 8. Buches seines „Staates“, zum Abschluss einer längeren Diskussion des Themas – wie immer bei Platon in der Form eines sog. literarischen, d.h. erfundenen, Dialogs. Er verwendet das Wort „Tyrannis“, aber die lateinische Entsprechung „Diktatur“ macht die Sache heute verständlicher. – Von Dr. Theo Wirth*, Gastautor bei „PolitReflex“.

Das Thema – unser Thema hier – steht bei Platon in einem viel grösseren Zusammenhang, der nur kurz angetönt sei. Es geht um eine Theorie über die (historisch gedachte) Abfolge von Staatsformen, eine Theorie, die in der griechischen und lateinischen Literatur des öfteren abgehandelt wurde. Doch hier wird nur ein Teil davon besprochen, eben der Weg aus einer Demokratie in eine Diktatur.

Beunruhigende Zeichen heute

Es ist interessant, wie diese antike Theorie heutzutage offensichtlich die politische Diskussion im Hintergrund prägt, ohne dass die Verbindung bewusst ist. Wie oft hört man doch, die negativen Entwicklungen in unseren Demokratien liefen Gefahr, in autoritäre Regierungsformen umzuschlagen.

Ein kleiner Exkurs: Geradezu hellseherisch publizierte 1938 Ignazio Silone als politischer Emigrant in Zürich den Roman „Die Schule der Diktatoren“, worin ein amerikanischer Multimillionär und sein akademischer Begleiter auftreten; die zwei sind nach Europa gereist, um zu lernen, wie der Multimillionär sich in den USA zum Diktator aufschwingen könnte – die Europäer hätten in Sachen diktatorischen Umsturzes die grösste Erfahrung… Trump lässt mehrfach grüssen, u.a. soll er ja von Orbán gelernt haben.

Zurück zum Thema, zu den Befürchtungen um sich greifender Umstürze in den westlichen Demokratien. Wesentliche Ausgangssituationen dafür sind die international beobachteten gesellschaftlichen Veränderungen, und solche Beobachtungen als Ausgangspunkte finden sich auch bei Platon und anderen antiken Autoren.

Platon: Warum werden ausgerechnet Demokratien zu Diktaturen?

Eine Vorbemerkung: Antike griechische Demokratien, und das heisst im Wesentlichen die athenische, waren etwas ganz anderes als die heutigen, die vielgerühmte sog. „direkte“ Demokratie der Schweiz eingeschlossen, erst recht etwas ganz anderes als die repräsentativen Demokratien. Antike griechische Staaten waren viel kleiner, bloss Städte mit ihrem Umland, vergleichbar mit einem Landsgemeinde-Kanton der Schweiz; nur Bürger, Männer, waren stimm- und wahlberechtigt; eine Gewaltenteilung in unserem Sinn gab es nicht. Das führte dazu, dass die praktisch alles entscheidende Volksversammlung in Athen auch höchst diktatorische Unrechtsbeschlüsse fasste. Und das erklärt u.a., warum „Demokratie“ bei den antiken Staatstheoretikern kein positiv besetzter Begriff war, auch bei Platon nicht.

Was ist es, was gemäss Platon zum Umsturz in einer Demokratie und zur Entstehung einer Diktatur führt? Sein Kernargument: Das höchste Gut der Demokratie, die Freiheit, wird im Lauf der Zeit zur Selbstverständlichkeit, von den Bürgern verabsolutiert, sie tendiert zur Grenzenlosigkeit, der Freiheitsdrang dehnt sich auf alle Bereiche des Lebens der Gesellschaft aus – eine Entwicklung, die von „populistischen“ Führern nur noch gefördert wird. Die Folgen: Die staatliche Führung muss schwach sein, die staatstreuen Bürger werden als Sklaven beschimpft, immer mehr Bürger ordnen sich nicht mehr unter, sie werden empfindlich und wittern überall Zwang, weshalb die Gesetze nicht mehr befolgt werden. Der überbordende Freiheitsdrang schleicht sich allmählich wie gesagt in alle Bereiche ein, in die Familien, wo die väterliche Autorität schwindet (und die Frauen gleichberechtigt werden!), in die Schulen, wo die Lehrer ihre Autorität und die Schüler ihren Respekt verlieren – nach Aristoteles (in seinem Werk „Politik“) v.a. die Söhne der Reichen; die Alten biedern sich aus Angst den Jungen an, usw. Das zugehörige Pendant: Das Gefühl für die und der Wille zur Verantwortung vor der Gesellschaft verschwindet, man will kein öffentliches Amt übernehmen, und in den Krieg zieht man erst recht nicht, aber Frieden hält man auch nicht. Kurz: Jeder macht, was er will, gut ist, was mir nützt, völlig egozentrisch – heute würden wir sagen: Narzissmus avant la lettre. Und dies, das Übermass an Freiheit, ist nach Platon die Ausgangssituation für einen Umsturz in die Diktatur.

Immer gemäss Platon: Was geschieht zu Beginn einer Diktatur?

„Also ist es wahrscheinlich, dass aus keiner anderen Staatsform eine Diktatur entsteht als aus einer Demokratie, nach meiner Meinung aus der höchsten Freiheit die grösste und schlimmste Sklaverei“, so lässt Platon seinen Sokrates in der „Politeia“ sprechen. Zusammengefasst geht die Entwicklung ungefähr so vor sich: Es entsteht politische Unordnung (aus dem allgemeinen Drängen nach Freiheit), einige streben nach vorne, das besitzarme Volk wählt einen an seine Spitze, und dieser umgibt sich mit einem Tross ihm völlig ergebener Leute, die in ihrer Dienstfertigkeit jede Rolle übernehmen und sich erniedrigen; er erhebt mit ihrer Hilfe ungerechte Anklagen gegen politische Gegner und wird so allmählich zum Diktator. Vielleicht wird er jedoch verbannt, kehrt aber zurück und ist dann noch härter. Er säubert nun den Staat von seinen Gegnern (und bringt sie gar um), auch von einstigen Weggefährten, die ihn bei der Machtergreifung unterstützt haben und mit ihm an der Macht sind, doch jetzt ihre Meinung geändert haben. Andererseits kommen bei genügender Bezahlung neue Anhänger von selbst herangeflogen.

*  *  *

Platons Theorie ist von eigenem Erleben mitbestimmt. In seinen jungen Jahren wurde er Zeuge von gewaltsamen politischen Ereignissen in Athen, als die – radikale – Demokratie zweimal innert weniger Jahre von diktatorischen Regimes ausgehebelt wurde; ein Onkel Platons war beim zweiten Umsturz, bei dem etwa 1’500 missliebige Bürger umgebracht wurden, führend am Umsturz beteiligt.

Platon konnte aus seiner Zeitzeugenschaft heraus in diesen Ereignissen eine bestimmte Regelhaftigkeit erkennen, was ihn zu seiner Theorie geführt haben muss. Sie zeigt ganz offensichtlich noch heute ihre Gültigkeit, nicht im Sinne von Wiederholung der Geschichte, also einer Gesetzmässigkeit (die es nicht gibt), sondern einer häufig zu beobachtenden Möglichkeit. Die Beispiele sind zahlreich geworden: Ungarn, Slowakei, Türkei, USA, dazu die wachsenden autoritären Strömungen in Frankreich, Deutschland, Grossbritannien etc.

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Die Ähnlichkeit und Parallelität von heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen im Detail aufzuzeigen, erübrigt sich; es sei nur auf Wichtigstes verwiesen. Die zentralen Themen sind dieselben. Erstens: „Ich will, was mir nützt“ – Autoritätsschwund auf allen gesellschaftlichen Ebenen, weil die egozentrischen Individuen immer mehr persönliche Freiheiten einfordern; dies insbesondere auf der politischen Ebene, wo infolge der selbstverständlich gewordenen Demokratie deren Geringschätzung resultiert, Geringschätzung ihrer Institutionen, die eigentlich der individuellen Freiheit klare und vom Volk gegebene Grenzen setzen. Zweitens: „Ich will nicht, was mir nichts bringt oder schadet“ – die Folge: Weigerung, jedwelche Verantwortung zu übernehmen bis zum Extrem, der Ablehnung, Dienst im Falle eines Angriffs zu leisten. Diese Ablehnung ist auch in der Schweiz verstärkt sichtbar, aber offenbar noch bedeutend weniger als in Deutschland. Dort hat ein Buch Hochkonjunktur, auch bei älteren Menschen, das den Titel trägt: „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“. Dieser Titel allein illustriert zur Genüge die Richtigkeit einer Analyse von Isolde Charim (Philosophin und Publizistin, Wien) : „Zentrales Merkmal einer narzisstischen Gesellschaft ist die Veränderung der Moral: von einer allgemeinen, für alle gültigen Vorstellung des Guten hin zu einer narzisstischen Moral“ (NZZ 1.11.2024).

Noch eine nebensächliche Parallele: Die zweimalige Machtergreifung eines Diktators, bis er richtig im Sattel sitzt. Das war historisch bei Platon so, wohl deshalb bringt er es in seiner Theorie – und Trump und Orbán stehen ja auch in ihrer zweiten Regierungszeit…

Die politischen Entwicklungen in Westeuropa sind von Diktaturen wie vor 90 Jahren noch einigermassen weit entfernt. Aber es ist sicher richtig, auf eine zweite antike Einsicht zu verweisen: „Wehret den Anfängen!“

*

An einer Tramhaltestelle erblicke ich einen Mann im Überkleid, der die dortigen Abfallkübel sehr zügig leert und schnell, aber dennoch sorgfältig Abfall vom Boden aufnimmt, z.B. Zigarettenstummel. Ich spreche ihn an und bedanke mich. Sofort beginnt ein Gespräch, er sagt u.a. wörtlich: „Es ist ein Wert, andere Menschen zu bedienen“, in recht gutem Hochdeutsch – „natürlich“ ein Ausländer. Am Ende bedankt er sich für unser Gespräch.

Er hatte die ganze Zeit über einen zufriedenen Gesichtsausdruck.

*

*  Dr. Theo Wirth, ehem. Lehrer für Altgriechisch und Latein an der Kantonsschule Zürich und Lehrbeauftragter für die Fachdidaktik der Alten Sprachen an der Universität Zürich.

Weitere Gastartikel von Theo Wirth bei PolitReflex:

„Protagoras – und Trump“ (Link)

„Das Problem des schwachen Neutralen“ (Link)

„Griechenland heute: Wie geht es Land und Leuten?“ (Link)

„Si vis pacem, para bellum“ (Link)

„Was man von Enkelinnen lernen kann“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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