Griechenland heute: Wie geht es Land und Leuten? Ein Freund bat mich, dazu einen Text zu verfassen; dem Wunsch komme ich gerne nach. Das Land steht uns Schweizern ja auch nahe, aus den verschiedensten Gründen, und viele kennen es mehr oder weniger. Aber nur schon das Sprachproblem verhindert meistens ein etwas tieferes Eindringen in die Gegebenheiten, auch wenn v.a. junge Griechen oft zumindest Englisch sprechen. Die folgenden Zeilen wollen einige Informationen liefern.
Aussenpolitisches
Viele Griechen politisieren leidenschaftlich gerne, ein Hauptthema ist die Türkei, mit gutem Grund, denn das Verhältnis der beiden NATO-Staaten glich und gleicht einer Achterbahn. Im letzten Dezember war noch die Rede von Annäherung, jetzt jedoch von neuen „Schatten“, u.a. wegen griechischer Befürchtungen, die Türkei könnte durch ein Abkommen mit der neuen syrischen Regierung die griechisch-zypriotischen Hoheitsgewässer tangieren. Oder wegen des türkischen Wunsches nach europäischen Raketen. Ein anderes erneutes Thema ist das Nachbarland Nordmazedonien, dessen neue Regierung den staatsrechtlich verbindlichen Vertrag von 2019 über den jahrelangen und intensiv geführten Namensstreit („Mazedonien“ oder „Nordmazedonien“) nicht mehr anerkenne – ein für uns unverständlicher Streit, der aber die Seelen ungezählter GriechInnen zum Kochen bringt. Beidseits sind Populisten am Werk.
Zentralismus, Klientelwesen und die Folgen
In der Innenpolitik sind die Paletten der Themen und der Meinungen sehr viel bunter. Doch eine allgemeine Vorbemerkung drängt sich auf: Die Griechen, die das Wort und die Sache „Demokratie“ erfanden (wenigstens die antiken Athener), haben ein sehr stark zentralistisches politisches System, das Allermeiste wird in Athen entschieden – höchst undemokratisch. Ich erinnere mich an einen Zürcher Vortrag des Bürgermeisters der Millionenstadt Saloniki, in dem er vor vielen Jahren berichtete, er müsse Ausgaben über 300 € in Athen genehmigen lassen! Ein althergebrachtes Klientelwesen gehört mit dazu. Diese beiden Grundgegebenheiten, Zentralismus und Klientelwesen, sind Ursachen für viele Probleme Griechenlands, sie prägen auch das Denken und Fühlen der Mehrheit der Menschen, und zwar in der Weise, dass Eigennutz sowie Gruppeninteressen sehr ausgeprägt sind und ein Gemeinsinn, ein Gefühl der Mitverantwortung für die Gemeinschaft, für den Staat, wenig verbreitet ist.
So ist es denn nur konsequent gedacht, dass die Regierung in Athen „an allem schuld ist“, z.B. am schweren Eisenbahnunglück von 2023 mit 57 Toten, an den grossen Waldbränden vergangener Jahre oder an den „mangelhaften“ Vorbereitungen auf die Folgen der Erdbeben um Santorini. Solche Selbstentschuldigungen der anderen Parteien, der Medien und der kleinen Leute, auch bei viel geringeren Vorfällen, sind typisch für griechisches Denken, es fehlt eben weitestgehend ein Bewusstsein für Verantwortung und ein Sinn für Zusammenhänge: „Der Staat ist mein Feind“. Noch drei Alltagsbeispiele. Bis vor kurzem wurde die Gurtentragpflicht im Auto sehr häufig umgangen, mit z.T. einfallsreichen Methoden; erst verschärfte Kontrollen mit konsequent (!) gehandhabter Bussenfolge brachten eine Änderung.
Viel grössere Auswirkungen hat, neben der Umweltverschmutzung, die bisher beinahe allgemein übliche Steuerhinterziehung. Schuld daran ist allerdings in mindestens zweifacher Hinsicht auch die Politik, die Steuern sind sehr hoch, prozentual bedeutend höher als bei uns, und bis vor wenigen Jahren war der staatliche Steuereinzug völlig unprofessionell organisiert; erst die jetzige Regierung hat dank der Digitalisierung ordentlich durchgreifen können, die Steuereinnahmen sind als Folge in Milliardenhöhe angestiegen – doch etwelche Berufsgruppen, etwa die Ärzte, scheinen noch Schlupflöcher gefunden zu haben. Es gibt das Bonmot, viele Ärzte hätten pro Jahr 4’999 € steuerbares Einkommen deklariert: Mit 1 € mehr wären sie steuerpflichtig geworden… Aber diese Hydra, der Betrug am Staat, sitzt unausrottbar in den Köpfen auch zahlloser anderer Menschen, der Staat ist ja mein Feind!
Innenpolitik
Was auffällt, ist das unglaubliche Parteiengezänk im Land. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis regiert mit seiner konservativen „Nea Dimokratia“ (ND) seit 2023 zum 2. Mal (nach 2019) mit absoluter Mehrheit, die grösste Oppositionspartei ist die sozialistische PASOK. Nur in der absoluten Feindschaft gegen die ND sind sich alle restlichen Parteien einig. Die nächsten Wahlen 2027 könnten für die ND trotz oder gerade wegen der jetzigen Stärke gefährlich werden: Auch wenn gemäss einer neuen Umfrage 80% der Menschen „politische Stabilität“ als wichtigstes Ziel angegeben haben, verleidet eine Dauerregierung und man wird anfällig für die wildesten Versprechungen der Oppositionsparteien. Das weiss natürlich auch Mitsotakis; er folgt dem Klientelgedanken und verteilt viel zu freigebig Geldgeschenke in Milliardenhöhe, an Pensionierte, Beamte oder etwa an die Bewohner von Santorini, weil sie „Lohneinbussen“ wegen der Erdbeben erlitten und zu erwarten hätten, und dies obwohl auch sie für notorische Steuerhinterziehungen bekannt sind.
Es ist allerdings kein Zufall, dass die jetzige Regierung bis anhin gut im Sattel sitzt; im Unterschied zu früheren hat sie dank richtiger Entscheide einiges in Bewegung gebracht. Die Bilanz ist positiv, das Wachstum ist das höchste in der EU, für 2025 rechnet man mit 2.3%. Die Last der Staatschulden wird schneller als geplant jedes Jahr um einige Milliarden € abgetragen, 2025 auf 158% des BIP (2020: 209%); sie ist zwar immer noch die höchste der EU, aber bald könnte Italien die rote Laterne erhalten. Die Arbeitslosigkeit sank 2024 auf 10%. Im Süden Athens, auf dem Gelände des einstigen Athener Flughafens, wird eine neue riesige Stadt gebaut, die am Ende 75’000 Jobs ermöglichen soll. Die grossen Hoffnungen könnten jedoch enttäuscht werden, denn die immer stärker sprudelnden Tourismus-Milliarden dürften dieses Jahr wegen der Santorini-Erdbeben einen ordentlichen Dämpfer erleiden. Auch werden die Verteidigungsausgaben um 70% (!) erhöht, von 3.6 Milliarden auf 6,1 Milliarden für 2025. Soweit die grosse Sicht der Dinge.
Die Sorgen der kleinen Leute
2010 brach in Griechenland die grosse Wirtschafts- und Finanzkrise aus, deretwegen die EU das Land an die Kandare nahm; die Folgen der Krise sind für sehr viele Menschen immer noch spürbar. Die Löhne sind nach wie vor tief, die Mindestmonatslöhne sollen auf 870 € brutto pro Monat erhöht werden, normal sind 900-1000 €, die Maxima liegen bei 1400 €.
In den letzten Jahren kamen neue Schwierigkeiten hinzu, die starke Teuerung und die Wohnungsnot. Die Wohnungskosten steigen viel rasanter als die Einkommen. Das Leben wird zu teuer, gemäss einer Umfrage beurteilen die Leute die tiefen Renten und Einkommen als ihr grösstes Problem.
Das alles gilt in erster Linie für die Menschen in den Städten; es hängt einerseits mit der geringen Industrialisierung des Landes zusammen, andererseits mit der tiefen Produktivität der Unternehmen. Sie sind meistens schwach finanziert, daher veraltet eingerichtet und sehr klein: 95% aller Unternehmen beschäftigen weniger als zehn Arbeitnehmer.
Es gibt auch Leute mit Geld
Auf dem Land kann die Situation recht anders aussehen, was uns hierzulande überraschen mag. Besitz eines wenn auch kleinen Stücks Land oder die hilfreichen Verwandten auf dem Land waren in der Krise für manche Städter die Rettung. Auch der Tourismus bringt oft unerwarteten Reichtum: Etwa auf Kreta kaufen manche reiche Nordländer an den schönsten Punkten Baugelände von Bauern und errichten darauf ihre Villen mitsamt Pool (obwohl immer mehr Wasserknappheit herrscht), dasselbe tun vermögende Einheimische zwecks teurer Vermietung an Feriengäste, und dahin müssen Strassen, Wasser- und Stromleitungen gebaut werden. Und wenn den Einheimischen das Geld ausgeht, bleiben die Bauruinen einfach in der Landschaft stehen.
Es gibt noch anderen Reichtum, den man in unseren Breitengraden kaum erwarten würde: Olivenbäume. In Griechenland gibt es grössere Landstriche mit riesigen Olivenhainen, für die wir Touristen schwärmen (Stichwort: „das silbern glitzernde Laub“), aber wir ahnen nicht, wie viel Geld hier wächst, bei den heutigen Preisen für Olivenöl. Mir ist ein Bauer bekannt, der knapp 4’000 Bäume besitzt und damit „obere Klasse“ ist; letztes Jahr, das ein schlechtes war, erntete er rund 14 Tonnen Öl (statt bis zum Doppelten) und verdiente damit etwa 120’000 €. Und dies netto! Denn er bekommt vom Staat noch Subventionen, mit denen er seine Kosten voll bezahlen kann, die albanischen Helfer, die Maschinen, den Treibstoff etc. Ein normaler Ölbauer besitzt etwa 1’500-2’000 Bäume und erzielt damit ein Einkommen, von dem mancher Städter nicht einmal träumen darf. Zwei, drei Monate im Jahr krampft er dafür, nachher hat er kaum mehr Arbeit mit den Bäumen. Wenn er klug ist, verschafft er sich noch einen Nebenerwerb wie der Vater des erwähnten Bauern: Er liess sich vor vielen Jahren vom Elektrizitätswerk Sonnenpannels aufs Dach setzen und zieht dafür knapp 10’000 € pro Jahr ein, also beinahe den neuen staatlichen Mindestlohn, ohne einen Finger zu rühren.
Ich breche ab – es gäbe natürlich noch viel zu berichten. Aber für die nächsten Griechenlandferien mag dies hoffentlich ein Hintergrund sein. Und Sie dürfen es glauben: Die traditionelle Gastfreundschaft, die Grosszügigkeit der Menschen lebt weiter!
* Dr. Theo Wirth, ehem. Lehrer für Altgriechisch und Latein an der Kantonsschule Zürich und Lehrbeauftragter für die Fachdidaktik der Alten Sprachen an der Universität Zürich.