Sie befinden sich hier:

Was man von Enkelinnen lernen kann

Kenntnis und Verständnis der Zeitgeschichte sind von grösster Bedeutung für die politische Urteilsbildung und Orientierung – deshalb die PolitReflex-Rubrik „Geschichte und Gegenwart“. Es freut den Redaktor sehr, dass der Beitrag des ersten PolitReflex-Gastautors von vorbildlicher zeitgeschichtlicher Bildung handelt. Er berichtete mir kürzlich von dieser Erfahrung, und er ging auf meinen Vorschlag ein, sie schriftlich festzuhalten und zugänglich zu machen. Herzlich willkommen, Dr. Theo Wirth*, als Gastautor!

Es war im März 2022, also kurz nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, als die Gymiklasse meiner zweiten Enkelin ein halbes Jahr vor der Matura von der Geschichtslehrerin einen Projektauftrag für „Oral History“ bekam: Es sollte jemand von den Grosseltern oder eine entsprechende Person zu einer von fünf Fragen interviewt werden, das Interview sei schriftlich zusammenzufassen, historisch einzuordnen und problematische Aussagen seien aufgrund von Quellen kritisch zu überprüfen.

Die junge Dame erkor und informierte mich, ich fand, das sei eine ganz hervorragende Aufgabe, denn die jungen Leute haben ja in der Regel kaum eine Ahnung von „einst“, und ich sagte hocherfreut zu. Aus den fünf Fragen wählte ich „Hattest du in der Zeit des Kalten Krieges Angst vor der Sowjetunion?“

Diese Frage betraf mich direkt und zentral; ich war in einer sehr „politischen“ Familie aufgewachsen (mein Vater war Auslandsredaktor, ich diskutierte als Jugendlicher nach dem Fahnenlesen seiner Artikel immer intensiv mit ihm), leistete ab 1960 bis 1995 häufig Militärdienst und musste dabei u.a. als stellvertretender Kompagniekommandant mit der Truppe die politische Lage diskutieren – und auch mal erklären, warum bei Manövern der böse Feind immer aus dem Osten kam und in den Karten rot gezeichnet wurde… Die letzten Jahre machte ich Dienst in einem Armeestabsteil für Elektronische Kriegführung und bekam da natürlich einiges mehr mit als die meisten anderen. Für mich war es in all diesen Jahren immer klar, warum ich (viel) zusätzlichen Dienst leistete, es war schlicht selbstverständlich, Angst vor den „Russen“ hatte ich keine, die Bedrohung gehörte einfach zum normalen Leben.

Diese Dinge kamen mir bei der Vorbereitung auf das Interview mit der Enkelin wieder vor Augen; auch wurde mir intensiv bewusst, wie blauäugig ich hernach in den gut 30 Jahren Frieden bis 2022 auch nicht mehr mit der Bedrohung aus dem Osten gerechnet hatte, trotz eigentlich besserem Wissen.

Das alles und manches mehr konnte ich meiner Enkelin berichten. Zusammengefasst war meine Aussage diese: Damals hatte ich trotz der klaren Bedrohung keine Angst, aber heute, nach den 30 Jahren Friedenstäuschung, habe ich angesichts der wiederum klaren, von Putin seit Jahrzehnten bestätigten Bedrohung tatsächlich Angst – nicht meinetwegen, weil ich ja bald einmal „abtreten“ muss, sondern wegen euren Eltern und vor allem euretwegen, den Enkeln: Ihr werdet das ausbaden müssen, was die heutigen, allzu sehr vom Glück verweichlichten älteren und jüngeren Generationen euch eingebrockt haben und nach wie vor einbrocken.

Das Interview mit meiner Enkelin hat mich nicht mehr losgelassen. Nach dem März 2022 schien es ja zunächst, als ob in den USA und in Europa, mit der unrühmlichen Ausnahme der Schweiz, der Widerstands- und Unterstützungwillen zugunsten der Ukraine stark genug wäre. Doch je länger der Krieg dauerte, umso schwächer wurde dieser, die Biden-Regierung hielt stand. Die Schwäche der europäischen Armeen wurde immer augenfälliger, auch die der Schweizer Armee: Der Chef unserer Armee, Thomas Süssli, sagte 2024 in einem Vortrag an der Universität Zürich, die Schweiz könne gerade mal 20’000 Mann kampffähig ausrüsten, während Russland konsequent aufrüste, offensichtlich für einen späteren Angriffskrieg gegen Westeuropa… Der Bundesrat will jedoch erst bis 2035 die Militärausgaben auf 1% des BIP hochfahren, die Polen stehen bereits heute bei über 4% – sie wissen warum! Breite Kreise der Bevölkerung und deshalb auch der Politik wehren sich gegen eine Beschleunigung, sie wollen den Ernst der Lage immer noch nicht erkennen, einerseits weil es an Wissen fehlt (dazu unten), andererseits weil es weitherum am Fundament fehlt: am Gemeinsinn, an einer auf dem Freiheitswillen basierenden Wertegemeinschaft, am Verantwortungsbewusstsein – statt des überbordenden Individualismus und der weitestverbreiteten Egozentrik. (Dass es jenseits der Landesgrenzen nicht besser ist, ist leider auch klar.) Egozentrik verabsolutiert einen persönlichen Freiheitsbegriff, wobei nicht bedacht wird, dass Freiheit des Individuums erst bei politisch-staatlicher Freiheit möglich wird; und an solchem Wissen mangelt es. Niall Ferguson, der amerikanische Historiker, hat in einem NZZ-Interview (22.2.2024) dazu ausgeführt: „Die jungen Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks sind sehr selbstgefällig, was die Freiheit angeht. Sie scheinen sich nicht gross dafür zu interessieren. Das liegt daran, dass sie sich nicht wirklich vorstellen können, wie es wäre, die Freiheit nicht zu haben. Ich würde es begrüssen, wenn wir besser erklären könnten, wie eine von der Kommunistischen Partei Chinas dominierte Welt aussähe.“ Ich selber goutiere die Verallgemeinerung „die jungen Menschen“ nicht: Es gibt viele Junge, die es besser machen! Und es gibt leider unter den Älteren viele, auf die Fergusons Kritik ebenso zutrifft.

Es geht genau um diese Dinge: historisches Wissen verbessern, Gemeinsinn, Wertehaltung und Verantwortungsbewusstsein schaffen. Wir Heutigen müssen dafür Verantwortung übernehmen, zum Glück tun das schon viele; wir müssen den Ernst der Stunde erkennen und handeln, so dass unsere Jungen und Jüngsten dereinst ein lebenswertes Leben in Freiheit leben können.

Angesichts der jetzigen Entwicklungen im politischen Grossraum scheint Entschlossenheit immer wichtiger zu werden…

*   Dr. Theo Wirth, ehem. Lehrer für Altgriechisch und Latein an der Kantonsschule Zürich und Lehrbeauftragter für die Fachdidaktik der Alten Sprachen an der Universität Zürich.

*

Dazu passt die PolitReflex-Rezension der Buches „‚Fragen hätte ich noch‘: Familiengeschichten die die Zeitgeschichte erhellen“ (Link)

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Historische Assoziationen zu Erdogans Libyen-Feldzug

Erdogans Libyen-Feldzug erinnert daran, dass militärisch erfolgreiche Machthaber und Mächte an übertriebenen Ambitionen scheiterten: Napoleon und Hitler mit ihren Russland-Feldzügen, Japan im Zweiten Weltkrieg an der Herausforderung der USA. Erdogans Chance besteht in einer Verständigung mit Russland – die eine weitere Assoziation hervorruft.

Weiterlesen »

Nachfahren von WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis warnen vor Rechtsextremisten, insbesondere vor der AfD

Eine besonders glaubwürdige Intervention gegen den neuen Rechtsextremismus in Deutschland und gegen dessen Verharmlosung: Mehr als 280 Nachfahren von WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis, so von Dietrich Bonhoeffer, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Carl Friedrich Goerdeler sowie von Freya und Helmuth James von Moltke, haben einen Appel unter dem Titel „Aus der Geschichte lernen, die Demokratie stärken!“ unterzeichnet.

Weiterlesen »