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Das Problem des schwachen Neutralen

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Augenöffner eine analytische, kritische Geschichtsvermittlung bereithält, wenn es gilt, eine aktuelle politische und militärische Lage zu beurteilen und die eigenen Interessen zu wahren. Nicht nur die Zeitgeschichte, sondern auch die Geschichte der Antike: Man denke etwa an den Niedergang der römischen Republik, Julius Cäsars Machtergreifung und dann an den Niedergang des Imperium Romanum. – Der folgende Bericht des PolitReflex-Gastautors Theo Wirth* von der tragisch gescheiterten Neutralitätspolitik eines griechischen Kleinstaats im fünften Jahrhundert vor Christus mündet in die Aufforderung: „Die Schweiz als neutraler Kleinstaat muss den Zusammenhang zwischen militärischer Schwäche/Stärke und Neutralität endlich ernst nehmen.“

Im Jahr 415 v.Chr. eroberten die Athener die kleine Insel Melos (heute Milos), etwa in der Mitte zwischen Athen und Kreta gelegen, richteten alle Männer hin, die sie erwischten, und verkauften die Frauen und Kinder als Sklavinnen und Sklaven.

 

Wie kam es zu diesem grässlichen Geschehen?

Man kann sich das heute kaum noch vorstellen, wir gelangen ja von Athen in kurzer Zeit per Flugzeug oder Schiff auf die Ferieninsel. Das, was heute Griechenland ist, war in der Antike eine Ansammlung von ungezählten Kleinstaaten, von zahllosen „Liechtensteins“, die oft genug untereinander Krieg führten, sich verbündeten und wieder trennten. Einige expandierten dank grösseren Mitteln zu regionalen „Grossmächten“, im 5. Jahrhundert v.Chr. Sparta und Athen, welches seine „Verbündeten“ mit harter Hand an der Kandare hielt. Wie zu erwarten kam es zwischen den beiden kleinen Grossmächten zum Krieg, der als „Peloponnesischer Krieg“ (431-404 v.Chr.) in die Geschichte einging.

 

Thukydides

Den Grossteil dieses Krieges kennen wir aus dem zeitgenössischen historischen Werk des Atheners Thukydides (ca. 2. Hälfte des 5. Jhdt.). So auch die Geschehnisse um Melos. Thukydides gestaltet die Episode zu einem Menetekel der Macht, der Machtpolitik. Er schafft folgende Situation: Die athenischen Streitkräfte sind bereits auf Melos gelandet, das sich bisher ruhig und neutral zwischen den beiden Blöcken verhalten hat. Doch bevor sie angreifen, starten die Kommandanten den Versuch, eine friedliche Kapitulation zu erreichen. Sie schicken eine Delegation zu den melischen Behörden. Und nun schildert Thukydides „im Wortlaut“ die nichtöffentlichen Verhandlungen – antike Historiker stellen nicht nur die Fakten dar, sondern wollen auch die im Hintergrund wirkenden Kräfte zum Vorschein kommen lassen –; dieses fiktive Gespräch ist als „Melierdialog“ berühmt geworden.

 

Der Melierdialog – die Ohnmacht des militärisch schwachen, kleinen Neutralen

Die melischen Behörden, so Thukydides, vertrauen auf die bisherige Neutralität, auf die 700jährige Geschichte, auf das bisher gnädige Geschick, sowie im Notfall auf die Unterstützung ihrer Freunde, der Spartaner. Also schlagen sie den Athenern die vertraglich festzulegende Beibehaltung der Neutralität und den Abzug der Truppen vor.

Von vorneherein ist es die brutal und offen erklärte Absicht der Athener, auf dies alles gar nicht einzutreten – Thukydides zeigt, dass der Friedenswunsch der Schwächeren die Stärkeren nicht interessiert. Er lässt die athenischen Gesandten ein „ewiges“ menschliches Gesetz formulieren, das allen bekannt sei: „Recht gilt nur bei gleichen Bedingungen; die Mächtigeren jedoch nützen ihre Möglichkeiten aus und die Schwachen müssen sie akzeptieren.“ Die beiden wichtigsten Gesichtspunkte der Melier kontern sie erstens mit dem Verweis auf die eigene Interessenspolitik der Spartaner und damit auf deren Unzuverlässigkeit als Bündnispartner, und zweitens komme Neutralität nicht in Frage, weil sie als Schwäche der Athener ausgelegt würde. Vielmehr sollten die Melier doch einsehen, dass ihre Unterwerfung für beide Seiten nützlich sei; für die Athener sei es ein Machtzuwachs, für die Melier reine Lebensrettung.

Die Melier bleiben trotz ihrer militärischen Schwäche mutig bei ihren Überzeugungen und ihrem Vorschlag. Die Verhandlungen sind also gescheitert. Nun beginnt eine Art „drôle de guerre“, doch dann machen die Athener ernst – zu allem Weiteren vgl. den Anfang dieses Textes.

NB: Dass die Spartaner nicht zu Hilfe kamen, versteht sich fast von selbst.

 

Das Problem: die nackte Realität

Wenn man sich dieses längst vergangene Szenario überlegt, dann kann einen das Grausen überkommen. Nach beinahe zweieinhalb Jahrtausenden gilt das, was Thukydides im Kleinen aufgezeigt hat, nach wie vor, auch im Grössten; wir sind, leider, nach der Illusion der Friedensdividende“, keinen Schritt weiter, und die „Friedensbewegten“ wollen es, leider, nicht wahrhaben. Das thukydideische Gesetz gilt, das (Un-)Recht des Stärkeren und seine Folgen: dass der Friedenswunsch der Schwächeren die Stärkeren nicht oder nicht eigentlich interessiert, dass militärisch schwache Neutralität kein Schutz ist, dass Verbündete und Freunde angesichts eigener Interessen nicht zwingend verlässlich sind. Man kann alles an Fakten illustrieren: Das sog. „Recht des Stärkeren“, das seine Wurzel letztlich in der Gier nach Macht hat, erleben wir tagtäglich, von der untersten Ebene, der persönlichen, bis zur obersten, der Weltpolitik, wenn etwa Putin und seine Entourage einen „Raum von Lissabon bis Wladiwostok“ sich erträumen (Zitat Timothy Snyder). Wie wenig der Friedenswunsch des Schwächeren den Stärkeren beeindruckt, demonstriert derselbe Putin. Dass eine militärisch schwache Neutralität ebenfalls keinen Eindruck macht, mussten die drei neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg im 2. Weltkrieg erfahren. Und dass Freunde und Verbündete nicht zwingend verlässlich sind, erlebt Europa gerade jetzt schmerzlich.

 

Und die Schweiz?

Es mutet geradezu verblüffend an, wie genau die Vertrauensseligkeit der thukydideischen Melier auf diejenige der Schweizer passt: Vertrauen auf die Neutralität, auf die „700jährige“(!) Geschichte und das bisherige gütige Geschick, auf die Freunde, die im Notfall dann schon da sind. Und die schweizerische Neutralität ist militärisch genau so wenig abgesichert wie die melische; der Chef der Schweizer Armee, Thomas Süssli, hat letztes Jahr in einem Referat an der Universität Zürich ausgeführt, dass für einen Ernstfall bloss 20’000 Soldaten kriegstauglich ausgerüstet werden könnten…

Die Schweiz als neutraler Kleinstaat muss den Zusammenhang zwischen militärischer Schwäche/Stärke und Neutralität endlich ernst nehmen.

 

*  Dr. Theo Wirth, ehem. Lehrer für Altgriechisch und Latein an der Kantonsschule Zürich und Lehrbeauftragter für die Fachdidaktik der Alten Sprachen an der Universität Zürich.

Weitere Gastartikel von Theo Wirth bei PolitReflex:

„Griechenland heute: Wie geht es Land und Leuten?“ (Link)

„Si vis pacem, para bellum“ (Link)

„Was man von Enkelinnen lernen kann“ (Link)

 

 

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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1 Kommentar

  1. Indem Theo Wirth die Schweiz mit der Mittelmeerinsel Melos vergleicht, ignoriert er eine wichtige, von 1815 bis 1990 wirksame geopolitische Tatsache: ihre grenznahe Lage zwischen konkurrierenden Grossmächten (bezw. Mächtegruppen), von denen keine der anderen die Herrschaft über die Schweiz erlauben mochte. Angesichts der zerklüfteten Landschaft und der bekannten traditionellen Wehrfreudigkeit der männlichen Bevölkerung („ausserdienstliches Schiessen“) schien auch eine präventive Besetzung (oder gar der Versuch einer Teilung) wenig lohnend. Der Ausgang des Zweiten Weltkrieges änderte diese Situation nur vorübergehend, denn mit der Neutralitätserklärung von 1955 bildete Österreich zusammen mit der Schweiz einen „Alpenriegel“, der das NATO-Dispositiv in Mitteleuropa empfindlich störte, so dass die Sowjetunion ihre Besatzungsarmee abziehen konnte. Ein österreichischer Politiker entkräftete die Kritik an der vermeintlich zu geringen Bewaffnung seines Landes mit der Feststellung, die Unabhängigkeit werde nicht an der Ostgrenze verteidigt, sondern am Brenner.
    Inzwischen ist die Schweiz eine Insel der Fremdheit in einem Meer friedlicher Völker.

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