Sie befinden sich hier:

Si vis pacem, para bellum!

„Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor!“ Ein altbekanntes lateinisches Sprichwort, leider ist es seit Februar 2022 so gültig wie vorher lange nicht mehr, auch wenn dem Latein heutzutage kaum mehr nachgefragt wird – die Gültigkeit des Inhalts hat sich unglücklicherweise nicht in gleicher Weise reduziert…
Von PolitReflex-Gastautor Theo Wirth*.

Wie so oft bei Sprichwörtern kennt man seinen Schöpfer nicht; die nächste Vorstufe dürfte ein Satz des spätlateinischen Autors Vegetius sein, der um 400 n.Chr. geschrieben hat: Qui desiderat pacem, praeparet bellum! („Wer den Frieden wünscht, soll den Krieg vorbereiten!“) Doch der Inhalt des Satzes ist viel früher bezeugt, und zwar recht häufig: Obgleich der grösste Teil der antiken griechischen und lateinischen Literatur verloren ist, finden wir seine Spur noch oft genug; Platon, Cicero, sein Zeitgenosse Cornelius Nepos, der Historiker Livius, der Dichter Ovid, der Philosoph und Politiker Seneca, der Kirchenvater Augustin schreiben in irgendeiner Form davon.

Es geht hier natürlich nicht darum, alle diese Äusserungen zu diskutieren. Aber einige sind von Interesse, gerade in unserer Zeit, weil sie aktuelle Teilaspekte formulieren. Platon schreibt, man dürfe nicht erst im Krieg den Krieg einüben, sondern müsse dies bereits im Frieden tun; Cicero sagt u.a., er befürchte einen Krieg, der mit dem Namen „Friede“ getarnt werde; Cornelius Nepos findet die ultimative, auch sprachlich gekonnte Kurzformel für den Hauptgedanken mit dem Wort Paritur pax bello („Friede wird durch Krieg erzeugt“), weshalb man für den Krieg bereit sein müsse, wenn man einen langen Frieden geniessen wolle; Livius legt einer seiner Personen den Satz in den Mund, man brauche bloss seine Kampfbereitschaft zu demonstrieren, dann habe man Frieden; Ovid meint skeptisch, es gebe manchmal schon Frieden, aber Sicherheit für Frieden nie; Seneca warnt, man dürfe nicht friedensgläubig einen Krieg nicht vorbereiten, weil dieser, auch wenn er nicht geführt werde, doch erklärt sei.

Ein Zeitraum von runden siebenhundertfünfzig Jahren umfasst diese antiken Meinungen, alle von vergleichbarer Art, ein überdeutliches Zeichen für ihre aufdringliche Wahrheit. Da darf man sich auch nicht über die Unbelehrbarkeit der Menschen ärgern, wenn es heute immer noch so ist – die Evolution verläuft nicht derart schnell… Auch wenn gewisse moderne Friedensaktivisten den Titelsatz ins Gegenteil kehren, indem sie fordern Si vis pacem, para pacem („Wenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor!“ Dazu unten mehr).

30 Jahre Ausblendung, 30 Jahre Abrüstung in Europa

Unser alter Kontinent Europa, also auch die Schweiz, hat während der gut 30 Jahre Friedenszeit den Realitätsbezug dieser Texte sträflich ausgeblendet und seine Armeen abgerüstet. Dabei hätte man es wirklich besser wissen können bzw. müssen; einerseits wusste man ja um die „anthropologische Konstante“, andererseits gab es mahnende Zeitzeugen wie den amerikanischen Historiker Timothy Snyder, der z.B. in seinem Buch mit dem deutschen Titel „Der Weg in die Unfreiheit. Russland – Europa – Amerika“ (2018, nicht etwa 2022…) akribisch nachzeichnet und belegt, wie Putin schon viele Jahre vorher einen Angriff auf die Ukraine als notwendigen ersten Schritt für die Schaffung eines eurasischen Imperiums von Lissabon bis Wladiwostok ankündigt. Ich kann mich nicht erinnern, in westlichen Medien davon gelesen zu haben, es war eben alles auf russisch… Hier haben unsere Medien versagt, und wir alle, fast alle, auch. Jetzt erst, zu Anfang 2025, scheint Europa zu erwachen, zumindest in der EU – dank der Angst vor Trump!

Zurück zu den antiken Texten und ihren Lehren. Die zentrale Lehre ist ja, dass man sich bereits zu Friedenszeiten und nicht erst im Krieg für den Krieg bereitstellen muss. Damit engstens verbunden ist der inhärente Gedanke der Abschreckung. Heute sind wir Europäer genau in dieser Phase wieder, nach dem dreissigjährigen Scheinfrieden. Auch die Schweiz, erst recht, wenn sie die Neutralität weiterhin hochhalten möchte. Wir müssen in den sauren Apfel beissen! Zunächst heisst das, dass wir wieder vom Krieg als Möglichkeit reden müssen, wie es Walter Benjamin 1926 in Abwandlung des Titelzitates geschrieben hat: „Wer den Frieden will, der rede vom Krieg.“ Das muss intensiver als bisher geschehen, es ist die dringende Vorbedingung für die bitteren Entschlüsse, die wir hernach rasch fassen müssen.

Abschreckung ist wirksam

Eine damit verbundene zweite Lehre zeigen einige der alten Texte. Und sie ist ebenso aktuell, nämlich dass auch eine Friedenszeit nie gesichert sei (Ovid) oder verhüllter Krieg (Cicero) oder gar erklärter Krieg herrsche (Seneca). Wie wichtig wären solche Überzeugungen vor recht kurzen Jahren gewesen, in den erwähnten dreissig Jahren Frieden bzw. eben Scheinfrieden, oder zur Zeit der „grünen Männchen“ im Donbass oder als Putin die Krim erobern liess!

Und die dritte Lehre besteht im Gedanken der Abschreckung (Livius). Wir wissen seit Jahrzehnten, wie wirksam Abschreckung ist, wie sehr der russische Aggressor sie fürchtet, wenn sie glaubhaft ist.

Wenn man sich all das vor Augen hält, wird die oben bereits zitierte Umkehrung des Titelsatzes in Si vis pacem, para pacem als Konzept in der modernen Friedensforschung geradezu unbegreiflich; Schaffung von Frieden in einem gewaltfreien politischen Prozess ist auch heute noch immer eine Unmöglichkeit, „wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“ – zum grössten Leidwesen aller friedlich gesinnter Menschen. International funktioniert die Umkehrung bei kooperativen Staaten; besonders aber innerstaatlich könnte sie eine wunderbare Handlungs­anweisung sein, in gleicher Weise wie die Inschrift am Friedenspalast in Den Haag, dem Sitz des Internationalen Gerichtshofes: Si vis pacem, cole iustitiam! („Wenn du Frieden willst, übe Gerechtigkeit!“).

*  Dr. Theo Wirth, ehem. Lehrer für Altgriechisch und Latein an der Kantonsschule Zürich und Lehrbeauftragter für die Fachdidaktik der Alten Sprachen an der Universität Zürich.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Verteidigungsvorbereitung mit dem Ausland – von General Guisan bis heute

Konservative, die darauf pochen, dass es die Schweiz ihrer Armee verdankte, nicht durch die Nazis besetzt geworden zu sein, wehren sich heute gegen Verteidigungsvorbereitung mit der NATO – als ob sich die Schweiz heute oder morgen gegen eine Gross- oder gar Supermacht ohne Unterstützung einer anderen Macht ab Landesgrenze verteidigen könnte. Mit Recht weist der Chef der Armee in einem Interview darauf hin, dass der Bundesrat und General Guisan mit Frankreich Pläne für eine gemeinsame Verteidigung erarbeiten liessen. Nach Frankreichs Kapitulation setzten sie die Réduit-Strategie in Kraft.

Weiterlesen »