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„Von Bäumen weiss ich Weniges zu sagen“

Der in Prag geborene deutsch-jüdische Lyriker, Übersetzer und Feldenkrais-Lehrer Franz Wurm (1926 – 2010), der einen grossen Teils seines Lebens und Wirkens in Zürich verbrachte, wäre am 16. März 2026 hundertjährig geworden. Im jüdischen Wochenmanagzin „tachles“, im Online-Kulturmedium „cültür“ und in „PolitReflex“ wurde an sein Leben und und Wirken erinnert. Am 10. Mai führte OMANUT, Forum für jüdische Kunst und Kultur, in Zürich einen Gedenkanlass durch. Wir danken Martin Dreyfus für seine Zustimmung zur Veröffentlichung einer leicht überarbeiteten schriftlichen Fassung des Vortrags, den er an diesem Anlass hielt.

Vortrag von Martin Dreyfus, gehalten am Gedenkanlass für Franz Wurm, den OMANUT, Forum für jüdische Kunst und Kultur, am 10. Mai 2026 in Zürich durchführte.

 

Paul Celan

Setz deine Fahne auf Halbmast,

Erinnerung,

Auf Halbmast für heute

und immer

 

Nicht von ungefähr steht ein Gedicht von Paul Celan am Beginn dieses Erinnerungsbeitrages an Franz Wurm. Mit Paul Celan verband Franz Wurm seit 1963 bis zu dessen Tod 1970 eine enge Freundschaft. Dokumentiert ist diese u.a. im Briefwechsel der beiden Freunde aus dem Stephan Witschi an der Gedenkveranstaltung Auszüge vortrug.

Am 10. Mai vor inzwischen 93 Jahren brannten in grossen Universitätsstädten des Deutschen Reiches die Scheiterhaufen «wider den ‘undeutschen Geist’», auf welchen die Werke unzähliger deutsch-jüdischer, sozialistischer und kommunistischer oder anderweitig «unliebsam» gewordener Autorinnen und Autoren mit markigen Sprüchen ins Feuer geworfen und verbrannt wurden, deren Verfasserinnen und Verfasser teils bereits ins Exil geflohen waren oder – mit wenigen Ausnahmen – in den nachfolgenden Wochen emigrierten.

Zwar gehörten weder der etwas ältere Paul Celan noch Franz Wurm zu den damals verbrannten Autoren. Paul Celan wurde erst nach Mitte der 1940er Jahre ein Emigrant, während Franz als Kind exiliert wurde. «Exilautoren» wurde sie dennoch beide und es mag daher an diesem 10. Mai erlaubt sein, zunächst an diesen denkwürdigen Tag vor 93 Jahren zu erinnern, der wie so manch andere unheilvolle aber dennoch «(ge)denkwürdige» Tage zunehmend in der Versunkenheit unseres historischen Bewusstseins zu «verschwinden» drohen.

Doch damit zu Franz Wurm. Heute wird Franz Wurm vor allem als Lehrer und Vermittler der Bewegungstherapie oder -Methode von Moshe Feldenkrais erinnert – am Vormittag des Gedenkanlasses erhielten wir davon eine „Kostprobe“.

Franz Wurm hat sich aber zeitlebens und in erster Linie als Lyriker und Schriftsteller verstanden und zu seinem Lebenswerk gehören neben seinen eigenen Werken einerseits zweifellos seine zahlreichen Übersetzungen aus dem französischen, darunter etwa zusammen mit Paul Celan – im Briefwechsel nachzuverfolgen – jene gemeinsame Arbeit an den Gedichten von René Char, die ihrer beider Freundschaft begründet, Paul Valéry auch und aus dem Tschechischen Vladimir Holan oder Ivan Vyskocil etwa, die bei uns, ohne die Übersetzungsarbeit von Franz wohl gänzlich unbekannt geblieben wäre.

Seine Übersetzer- und jahrelange Lehrtätigkeit für die Atemtherapie seines Freundes Moshe Feldenkrais verfolgte er zwar durchaus mit ebenso ausgeprägter Überzeugung; Vergleichbar ein Stück weit mit der Übersetzertätigkeit von Friedrich Torberg für Ephraim Kishon, wären Moshe Feldenkrais und seine Methode zumindest in unseren Breitengraden wohl kaum so bekannt geworden wie durch die Vermittlungsaktivitäten von Franz Wurm.

Franz wurde am 16. März 1926 in Prag – und wenn ich diese Verbindung herstellen darf – damit  Hermann Grab vergleichbar – in eine man wird sagen dürfen wohlsituierte deutsch Prager jüdische Familie geboren (auch wenn die Familie Grab zum Katholizismus konvertiert war). Wurms Vater war Ingenieur und Malzfabrikant. Um die Restitution der väterlichen Firma mochte sich Franz als dies nach der Wende der 1990er Jahre – durchaus mit Aussicht auf Erfolg – denkbar/möglich geworden – auch das unbedingt typisch für ihn – er hätte es erneut „herabsetzend“gefunden – all die Papiere und „Beweismittel“ die dazu nötig wären beizubringen – nicht wirklich einsetzen. Die relativ unbeschwerten Jugend- und ersten Schuljahre in der deutschen Grundschule und dem französischen Gymnasium waren 1939 schlagartig zu Ende. Die Eltern – die beide später im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht wurden – schickten ihr einziges Kind mit einem Kindertransport nach England. Dort besucht Franz Wurm zunächst die Schule, das Cheltenham College, anschliessend absolviert er ein Studium von Romanistik und Germanistik am Queens College in Oxford. 1949 führte ihn sein Weg in die Schweiz, nach Zürich.

Vielen „Angehörigen“ älterer Generationen ist Franz Wurm als Leiter des Kulturprogrammes des damaligen „Deutschschweizer Radios“ in den Jahren zwischen 1966 und 1969 in Erinnerung, nicht zuletzt dank seiner unverwechselbaren, wohltönenden Stimme. In dieses Kulturprogramm hat Wurm unter anderen und noch als Mitarbeiter 1963 auch Paul Celan zu einer denkwürdigen Radiosendung eingeladen. Die Jahre zwischen 1969 und 1971 verbringt Franz Wurm weitgehend und als Beobachter des endgültigen Endes der Reformbewegung des Prager Frühlings in Prag,

Von Gisèle Celan über das „Verschwinden“ von Paul informiert, reist er noch in der Nacht vom 19. auf den 20. April von Gisèle alarmiert nach Paris.

Zurück in Prag entsteht, datiert vom 6. Mai 1970 das folgende (bisher unpubliziert gebliebene) Gedicht in welchem trotz unterschiedlicher Herkunft manch Gemeinsames aufgenommen wird:

Paul Celan nachgerufen

DU

kammern still mit den Sohlen erspürend.

sassen rufen

„Jeder Strassenecke eine Wunde.“ Unvernarbt:

 

die Augenwinkel eingezogen, der Schmerz ein Leuchten, singend zwischen

Aug und Auge, fremd.

Wörtlich. „Was sind denn das für Wesen, die man von hier wegschrecken muss…?“

Entferntest dich. „ ––––––––

und die Mutter Böhmisches bewandernd: Dorther. . Dort-

hin…“ Geschichte blättern, schlagen Landschaften zu, Strömungen holen aus,

Flüsse,

Flüsse.

 

fernst Dich ein ––––––––––-

Mit Silber „Und die Seine fliesst in den Prut fliesst in die Moldau in die Themse in die Limmat in die Seine“ Klagenscherze gegen die

Gesprungene Hoffnung im Bug,

 

Wurzelspiele mit Treibendem, Väterformeln, Gegend für Gegend.

An den Ufern von sassen

aus der Tiefe

 

Fingernagel mit Fingernagel Untergrabend, Schritt für Schritt Durchs Ungemach, wandlerisch vermessen, ausgezählt. Später ein ruderndes Sternbild, Quell

Sonst-Wörter. Läufige anreden,

wie Rettung. Weil es wächst. Bevor es finster wird,

 

Du Geschwärzt Das Vor-

rufen Harter Gegenschläfer: den wir nicht erschlugen,

entfernst du auf dem Weg, dich. (Prag, 6.v.70)

 

1974 lebte Franz Wurm mehrere Monate in Tel Aviv wo er bei Moshe Feldenkrais, mit welchem er seit er in den 1940er Jahren in London dessen Zimmernachbar gewesen freundschaftlich verbunden war, dessen Atemtherapie studiert. Die Verbreitung der Feldenkrais-Methode – Franz Wurm übersetzt Moshé Feldenkrais’ Bücher für den Suhrkamp Verlag und verhilft diesen und der Methode dadurch zu Durchbruch und Erfolg – die Verbreitung der Ideen von Moshe Feldenkrais wird für die kommenden rund zwanzig Jahre zu seinem „Broterwerb“. 2003 zieht Franz mit seiner Lebenspartnerin Barbara Z’Graggen – ihr sind manche seiner Texte der späteren Jahre zugeeignet – nach Ascona, wo er am 29. September 2010, 84-jährig gestorben ist.

Wurm hat wie erwähnt teilweise in enger Zusammenarbeit mit Paul Celan unter anderen René Char und Paul Valéry aus dem französischen, wie Vladimir Holan aus dem tschechischen übersetzt und sich für die Verbreitung ihrer Verse unermüdlich eingesetzt. Ab und an druckte die NZZ ein von ihm übersetztes Gedicht von Vladimir Holan oder René Char. Für seine eigenen über Jahrzehnte entstandenen Verse mochte er nicht „hausieren“. „Anmeldung“ hiess sein erster, im Arche Verlag von Peter Schifferli 1959 erschienener Gedichtband, „Anker und Unruh“ folgte im Abstand von Jahren, 1964 im Verlag der Insel.

Später folgten Franz Wurms Gedichtband „Hundstage“ mit Zeichnungen von Gisèle Celan Lestrange, 1986 in der Edition Howeg erschienen, und im Band „Dirzulande“ in der von Jürgen Serke betreuten Reihe der Bücher der „Böhmischen Dörfer“ bei Zsolnay werden die beiden früheren Gedichtbände „Anmeldung“ von 1959, „Anker und Unruh“ von 1964 und „Trotzspuren“ von 1990 zusammengefasst. Dazwischen erscheint beim Zürcher pendo-verlag 1989 der Gedichtband „In diesem Fall“. Das „Langgedicht“ „König auf dem Dach“ wie die „Blaus Orangen oder das Auge der Pallas Athene“ mit dem Untertitel „Segmente eines Umgangs um Dichtung“, in Beat Brechbühls Verlag im Waldgut. Und nicht zu vergessen (s)ein Theaterstück „Unter Anderen“, das 1992 im Zürcher Schauspielhaus aufgeführt wurde, an welche Inszenierung Barbara Liebster am Gedenkanlass erinnerte.

Jürgen Serke widmet Franz Wurm 1990 in der Weltwoche eine ausführliche Würdigung in welcher er Franz Wurm – „zu dessen Bewunderern immerhin Samuel Beckett gehört“ – als einen der einzigartigsten Dichter dieses Jahrhunderts“ zählt. Allerdings widersetze sich Wurms Lyrik der „Verständnisgeilheit“. Und Beatrice von Matt – renommierte Literaturkritikerin – schreibt in der NZZ über den Gedichtband „In diesem Fall“ „Allem vorweg Geordneten wird widersprochen, schnelle Verständnisse und Einverständnisse werden unterlaufen.“

Neben seinem eigenen lyrischen Werk und jenem seiner Schriftstellerkollegen und Freunde wie René Char und insbesondere Vladimir Holan und Ivan Vyskocil galt seine lebenslange Auseinandersetzung auch seinem Judentum. Auch wenn Franz Wurm kein im „religiösen“ Sinne gläubiger Jude war, war er dennoch ein sehr bewusster Jude. In einem Interview aus dem Jahr 2006 in der Wochenzeitschrift tachles meinte er auf die Frage ob sein Bezug zum Judentum in seiner Sprache aus jüdischen Quellen oder von der Sprache als Möglichkeit der Emigration stamme: „Wohl beides. Vor allem aber in der Herkunft. Danach auch aus der Nötigung zu anderen Sprachen, Und dann das „Nirgends-richtig-Dazugehören“. Dennoch verstand er sein Judentum als eine unsichere Zuschreibung. In einem Brief an Paul Celan vom Juni 1963 schreibt Franz Wurm u.a.: „Darum möchte ich über den Hass auf das Jüdische nichts sagen, könnte es auch nicht. Ich weiss zwar, dass es ihn als einen vorgeblichen solchen gibt, aber ich verstehe ihn schlecht, weil ich nicht weiss, was „das Jüdische“ ist. Ich weiss nicht einmal, ob es „das Jüdische“ überhaupt gibt, ich glaube eher nicht, – sondern, dass es ein Name ist, wie „Lyrik“, wie „zuhause“, wie „Hans“ oder „Karl“ (und wieviele heissen Karl oder Hans) auf dessen genaue Bedeutung man sich erst einmal einigen müsste“. Dabei gilt dem Bezug, der Gleichsetzung die Franz Wurm zwischen Judentum und Lyrik herstellt besonderes Gewicht. Manche seiner Gedichte, wie etwa ein dem Andenken an seinen Vater gewidmetes erweisen das.

Andenken

Wie du mich getroffen hast, Vater,

mit deiner Rippe aus gekochtem Stein,

wie du mich gebrannt,

also soll es Abend werden: ohne

Rückkehr, ohne Hass.

 

Das Feuer im Nacken trennt uns: Du bist

sehr kalt geworden in der Zeit, verwittert,

verstreut, ein Hauch von Gleichmut

in allen Winden, ohne Widerhall

und ohne fernere Nahrung …

 

Das tritt so um in meinem Blut, kaum mehr

verständlich. Wir haben einander wenig gekannt.

Vom Salz der Jahre sind

die Tafeln verwaschen, die ich empfing, und ohne

Sprache hinter der Stirn.

 

Sie haben uns bis zu den Gräbern genommen

des Wiedersehns und ein Loch getrieben in unsere Sprache,

das voll Schweigens ist. Schlägst

du aus dieser Lücke mir das Gesetz

hervor, den Brand auf der Zunge?

 

Da du mich getroffen hast, Vater,

mit deiner Rippe aus gekochtem Stein,

da du mich gebrannt:

Also soll es Abend werden ohne

Rückkehr, ohne Hass.

 

Beim deutsch-israelischen Schriftsteller Jehuda Amichai lesen wir im Gedicht

Eine zweite Begegnung mit meinem Vater:

Ich traf meinen Vater wieder im Café „Atara“,

Diesmal war er schon tot. Der Abend draussen

Mischte Vergessen und Erinnerung, wie meine Mutter,

die kaltes und warmes Wasser in der Badewanne mischte.

Mein Vater war unverändert, aber das Café „Atara“

war renoviert und verändert. Ich sagte: „Wohl denen,

die eine Bäckerei neben einem Caféhaus haben,

man kann hineinrufen: Noch einen Kuchen,

noch eine Süssigkeit, los, beeilt euch!

Wohl dem, dessen toter Vater in der Nähe ist

und der ihn immer rufen kann.

Oh, das ewige Geschrei der Kinder,

„ich will, ich will“, bis es zu einem Geschrei Verwundeter wird.

Oh, mein Vater, Gefährte meines Lebens, ich will

mit dir fahre, nimm mich mit,

lass mich bei meinem Haus aussteigen,

dann kannst du deinen Weg allein fortsetzen.

Wir gingen. Ein Mann blieb in der Ecke sitzen,

seine eine Hand war amputiert.

(Beim letztenmal hatte er noch zwei Hände.)

Er trank Kaffee und stellte die Tasse hin,

blätterte in der Illustrierten und legte sie hin

und legte seine eine Hand auf die Zeitung

und ruhte sich aus.

 

Franz Wurm war wohl (auch) ein „Genie“ der Freundschaft, nicht nur jene durch die Publikation des Briefwechsels dokumentierte mit Paul Celan, auch zu Michael und Luzzi Wolgensinger, und aus deren Freundeskreis zählte er das Kabarettistenpaar César Keiser und Margrit Läubli, der Musiker Yehoshua Lakner an den OMANUT vor nicht allzu langer Zeit erinnert hat zu seinen Freunden, ebenso wie Hans Georg Adler, den Chronisten der „verheimlichten Wahrheit“ und des Lagers Theresienstadt. Einen ganzen Kosmos der Literatur und Geschichte des 20. Jahrhunderts vereinte er mit seinen Freunden, zu denen etwa auch der Dichter Michael Hamburger wie der Deutschprager Johannes Urzidil ebenso wie Fritz Hochwälder, Friederike Mayröcker oder Günther Eich zählten wie der aus der Emigration in Amerika als Presseoffizier zunächst nach Deutschland zurückgekehrte – spätere kurzfristige Verleger – John Boxer (dessen Nachbar Franz in Ascona werden sollte).

Franz Wurms Freund Lyriker Michael Hamburger hat u.a. einen schmalen Gedichtband über „Bäume“ publiziert, eine Thematik die u.a. bei Franz Wurm ebenso wie bei anderen Exil Autor*innen aufscheint. Zunächst haben die beiden nachfolgenden Gedichte von Franz Wurm und Hilde Domin keinerlei Verbindung, ausser dass sie von „Bäumen“ handeln.

Franz Wurm:

Von Bäumen weiss ich weniges zu sagen.

Sie stehn mit ihrem Stamm wie Ahnenforscher, sind fest verwurzelt wie unsere Zähne,

haben weder Schillinge noch Franken,

wohl aber Mark und Kronen, haben Blätter

wie Bücher, tragen Blüten wie Falschmünzer, süsse und faule Früchte wie Betrügerein

an Ast um Ast wie übernächtige Säufer, –

man muss sie aus dem Pflanzenreiche streichen, denn offensichtlich sind sie unseresgleichen.

 

Hilde Domin:

Ziehende Landschaft

Man muss weggehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest. Man muss den Atem anhalten,

 

bis der Wind nachlässt

und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt, bis das Spiel von Licht und Schatten,

von Grün und Blau,

die alten Muster zeigt

und wir zuhause sind,

wo wir zuhause sind,

wo es auch sei, und niedersitzen können und uns anlehnen,

als sei es ein Grab unserer Mutter.

 

„Ich wohne in einer Wohnung. Wirklich zu Hause: in Freunden“ heisst es an einer Stelle in „Woher und bis heute“ einem für die 1990 erschienene Sammlung seiner Gedichte „Dirzulande“ als eine Art „abstrahierten Lebenslauf“ verfassten Nachwort.

Dabei hielt er auch im Zeitalter von e-mail und anderer „elektronischer“ Kommunikationsmitteln recht eisern daran fest, selbst Verabredungen per Brief, zumindest Briefkarte zu vereinbaren. Und war – durch säumiges Briefeschreiben des Korrespondenzpartners – einmal eine längere Pause eingetreten, war dennoch die „Wiederaufnahme“ des Fadens völlig unproblematisch. So uneitel Franz war, so bewusst vertrat er seine Ansichten und Meinungen in jederlei Hinsicht – nicht zuletzt und vor allem was sein literarisches Werk und dessen Publikation betrifft – er hat es – seinen Verlegern nicht immer leicht gemacht. Ähnliches gilt für seine Leser. Zwar hat er immer wieder auch öffentliche Anerkennung gefunden, durch eine Ehrengabe der Stadt Zürich 1989 oder die Verleihung des Schillerpreises der ZKB 1992 etwa – dennoch hat er sich dem Literaturbetrieb – späterhin auch aus gesundheitlichen Gründen – mehr und mehr entzogen, entziehen müssen. Wenig von seinem ohnehin nicht „ausufernden“ Werk – Franz Wurm hat – da er auch hier an der Schreibmaschine festgehalten hat, ist es den Typoskripten anzusehen, daran nachzuverfolgen, an seine Texten gefeilt –, wenig von seinem Werk ist heute einfach zugänglich, manches nur ganz verstreut oder gar ungedruckt. Es will – in mancherlei Hinsicht – erschlossen sein.

Seine Bücher sind vergriffen, keiner seiner bisherigen Verlage mochte oder konnte sich in den letzten Jahren seiner Lyrik nach seinen Vorstellungen annehmen. Dabei blieb er überzeugt, dass die Zeit auch dafür wieder „reif“ würde.

Dem „Genie der Freundschaft“ darf wohl auch zugeschrieben werden, dass die Beziehung zu Paul Celan – man wird ergänzen dürfen : auf Grund des „Einfühlungsvermögens“ von Franz Wurm –, eine der wenigen, die ohne „Trübung (durch Helles)“ bleibt (wie eine Zeile in Celans Gedicht „Zürich zum Storchen. Für Nelly Sachs“ lautet ).

Schliessen darf ich mit einem – ebenso dem unpublizierten Typoskript „Nachgerufen“ (in welchem sich Franz Wurm verstorbener Freunde und Weggefährten erinnert) entnommenen Gedicht:

GEPRESSTER CELAN

i Die LICHTRAeNDER haben sie

aus dem Rahmen gedrängt

von vornherein und malen

drastische Schatten.

 

ii DAS NACHHOLGEWISSEN

der später Geborenen

die nicht getroffen wurden? Gewissenswäsche Betreffender

mittels Aufblähungen

schwarzer Ballons.

 

iii INSEMINARISIERT

Sie haben ihn aus der Luft getragen

in ihre Lehre.        Dort

rätseln sie über seinen Atem

 

iv Wer gräbt, wird nicht tiefer.

v

Asche und Namen – Bild

eines Rauchs, das ihnen

die Nase rümpft.

 

vi

Wer spricht es mir, das schwere, lichte

Gelächter Schmerz von Wort zu Wort?

Wo er in seine Lücken flüchtet,

schweigt es herüber,  ausgerichtet

wie eine Stimme über Bord.

Die Brücken fallen über den raschen

Wassern rückwärts ins Gestein

der letzten Nacht.           Wir stehn und haschen

standhaft im Ungemach nach Flaschen-

Post und naschen dran und dunkeln ein.

 

Und als Echo sozusagen noch einmal Paul Celan:

Setz deine Fahne auf Halbmast,

Erinnerung, Auf Halbmast für heute

und immer

© www.martindreyfus.com

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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