Sie befinden sich hier:

Protagoras – und Trump

„Aller Dinge Mass ist der Mensch…“, dieses Wort des Griechen Protagoras (ca. 490-410 v.Chr.) liest man bis zum Überdruss. Doch was dahinter steckt, was es auch uns noch sagen kann, dem wird zu wenig nachgefragt. – Ein Beitrag von Dr. Theo Wirth*, Gastautor bei PolitReflex.

Das Wort hat eine Fortsetzung: „… derjenigen (Dinge), die sind, DASS sie sind, und derjenigen, die nicht sind, dass sie NICHT sind.“ Protagoras‘ Schriften sind alle verloren, es gibt einige wenige Zitate wie diesen Satz, den Platon überliefert hat. Platon schreibt in seinem Dialog „Theaitetos“ nach dem Zitat wie folgt weiter: „Nicht wahr, Protagoras meint das etwa so: Wie jedes Ding sich mir zeigt, so ist es für mich, und wie es sich dir zeigt, so ist es dagegen für dich.“ Und verallgemeinernd lässt sich nach Platon auf dieser Grundlage dann sagen: „Was sich einem Staat als gerecht und gut zeigt, das ist es für ihn, solange er davon überzeugt ist.“

Diese Verallgemeinerung auf die staatliche Gemeinschaft hin und in ihr der kurze letzte Nebensatz lassen aufhorchen. Aber zunächst soll ein häufiges Missverstehen des platonischen Protagoras beseitigt und es sollen seine weiteren Ansichten aufgezeigt werden.

„Relativismus?“

Offensichtlich war Protagoras, als erster, der Ansicht, wir Menschen könnten die uns umgebende Welt nicht zweifelsfrei, endgültig und „absolut“, erkennen. Ein solches Denken wird wird heutzutage oft als „Relativismus“ bezeichnet, häufig mit einer negativen Konnotation verbunden, nämlich derjenigen der Beliebigkeit, die „als letztes Mass nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt“ ( so Kardinal Ratzinger in einer Predigt am Tag vor seiner Wahl zum Papst, s. Wikipedia unter“ Relativismus“).

Protagoras jedoch dachte tiefer. Er meinte nicht eine Beliebigkeit nach jedermanns Gusto, sondern eine naturgegebene menschliche Unfähigkeit, die Wirklichkeit absolut, ohne menschliche „Brille“, zu erkennen – erkenntnistheoretische Bescheidenheit.

Der erste Theoretiker der Demokratie

Protagoras hielt sich immer wieder in Athen auf, wo er die damaligen Einrichtungen der athenischen direkten Demokratie und ihre Führungspersonen kennenlernte, einer Demokratie, die einerseits viel weiter ging als eine heutige direkte Demokratie, andererseits viel eingeschränkter war, auf nur männliche Vollbürger. Der Demokratie als politischer Staatsform verschaffte Protagoras mit seinem Denken, so wie die Sachlage sich uns darstellt, erstens eine Art erkenntnistheoretische Verständnisgrundlage und ermöglichte, darauf aufbauend, zweitens für das politische Geschehen ein Konzept, das als vernünftiges Politisieren in der damaligen Demokratie aufzufassen ist.

Zum ersten: Beginnen wir mit heute. Wie oft finden wir die ewigen Uneinigkeiten, das Unvermögen zu Kompromissen, die Streitereien vom Stammtisch über die Medien bis in den Bundesrat, als höchst mühsam und unserer Demokratie unwürdig. Protagoras aber lehrt uns, dass dies in einer Demokratie gar nicht anders sein kann, denn jede(r) hat seine/ihre eigene Meinung, weil Menschen die Wirklichkeit nicht absolut erkennen können – zu den Details siehe oben.  Als ein Beispiel die eidgenössische Volksabstimmung über die Abschaffung des Eigenmietwertes: Was ist objektiv richtig, abschaffen oder nicht abschaffen? Niemand kann es sagen, die Antwort fällt subjektiv aus, es geht nicht anders. Oder die Bilateralen III: Fachleute und Direktbetroffene sind sich uneins, und die armen StimmbürgerInnen müssen sich entscheiden… Der Meinungskampf ist unvermeidbar, Protagoras sagt weshalb.

Zum zweiten, zum Konzept, das auf dieser Grundlage aufbaut. Zunächst negativ, was Protagoras gerade nicht meint, was ihm aber oft unterstellt wird: Man darf aus seiner „erkenntnistheoretischen Bescheidenheit“ nicht folgern, dass sich überhaupt nichts erkennen liesse, dass er einem absoluten Skeptizismus das Wort rede. Vielmehr sagt er, gemäss Platon im genannten Dialog, es gebe bessere und schlechtere Meinungen; und dann folgt eine Aussage, die gerade für uns heute recht hilfreich sein könnte: Noch nie habe man eine falsche Meinung in eine richtige umwandeln können, sondern man müsse den „Zustand der Seele“ der betreffenden Person, die Disposition ihres Inneren, zum Besseren wenden. Wir dürfen das so verstehen, dass nach Protagoras das blosse Diskutieren nicht zu besseren Überzeugungen führt; vielmehr braucht es eine innere Umkehr, eine Wandlung – Protagoras sagt hier noch nicht, wie dieser mühsame Prozess ermöglicht werden kann. Wir finden uns heute in einer vergleichbaren Situation: Die meisten von uns haben die frustrierende Erfahrung gemacht, wie sinnlos die Diskussionen etwa mit radikalen Impfgegnern, Klimaleugnern oder mit Putin-Freunden sind; Protagoras liefert den erklärenden Untergrund und den „Ort“, wo man ansetzen müsse. Dazu gebe es ausserdem eine Hilfe: Im Dialog „Protagoras“ lässt Platon den Titelhelden einen Mythos erzählen, wie Zeus allen Menschen die Anlagen zu Aidṓs und Díke verliehen habe, zu dem Vermögen, andere zu respektieren, und zum Gefühl für Gerechtigkeit und Recht. Allerdings müssten diese Anlagen durch Erziehung entwickelt werden. Und wenn jemand unfähig zu Aidṓs und Díke sei, so habe Zeus das Gesetz aufgestellt, dass man einen solchen Menschen töten müsse, wie eine Krankheit der Gemeinschaft.

Hiermit sind wir zur nächsten Stufe seines Konzepts gelangt: eben dort, wo man ansetzen solle. Es geht um Erziehung, da müsse man den einen Zustand in einen besseren umformen, und da sei er der richtige Lehrer, er könne die Jungen (Männer) auch zum richtigen politischen Denken und Tun erziehen. (Übrigens gegen hohes Honorar.) Das richtige politische Denken wäre also, eine bessere Meinung über einen politischen Sachverhalt zu finden, und ein richtiges politisches Tun hiesse, bei den staatlichen Dingen mitzuhandeln und mitzureden und somit auch „die schwächere Ansicht zur stärkeren zu machen“ (ebenfalls ein berühmtes Protagoras-Zitat). Damit ist sehr wahrscheinlich gemeint, dass man(n) in der athenischen Volksversammlung aufsteht und dank der rhetorischen Schulung (durch Protagoras) einen gefährdeten besseren Entscheid doch noch durchsetzen kann. Insbesondere gilt das für die politischen Führungsfiguren, die diese Führungsqualitäten haben müssen, Protagoras nennt sie Rhetoren, Redner.

Damit sind wir von der individuellen Ebene auf die allgemeine politische Ebene gekommen und sind wieder bei Platons Umschreibung der protagoreischen Überzeugung „Was sich einem Staat als gerecht und gut zeigt, das ist es für ihn, solange er davon überzeugt ist.“ Der Staat, d.h. die Gemeinschaft seiner Bürger (heute: und Bürgerinnen), kennt das absolut Gerechte und Gute genau so wenig wie der einzelne Bürger, aber er glaubt an das Bessere und hält sich daran – bis er seine Meinung (aufgrund eines neuen, als besser erscheinenden Entscheides) eben auch mal ändert.

Und Trump?

Dass es gerade auch in einer Demokratie auf die Qualitäten der Führungspersönlichkeiten ankommt, war Protagoras sehr klar. Platon beschreibt im „Theaitetos“ seine Überzeugung wie folgt: „Die weisen und guten Redner (die Führungspersonen) erreichen, dass ihren Bürgern das Gute anstelle des Schlechten gerecht erscheint“. Für diese seine Überzeugung hatte Protagoras in Athen den besten Gewährsmann, Perikles, gemäss dem etwas jüngeren athenischen Historiker Thukydides „in jener Zeit der erste der Athener, im Reden und Handeln der Fähigste“. Und dieser gleiche Perikles hatte Protagoras den Auftrag gegeben, für die panhellenische Kolonie Thurioi (am Golf von Tarent) eine demokratische Verfassung zu entwickeln, ein Auftrag, der für den „Demokratietheoretiker“ Protagoras nicht passender sein konnte und seine Wertschätzung auf höchster Stufe beweist.

Das hier wichtigste Vermächtnis des Protagoras ist seine Forderung an die politischen Führungspersönlichkeiten – sofern sie „weise und gut“ sind –, ihre Mitbürger(Innen) so weit zu bringen, dass ihnen „das Gute anstelle des Schlechten gerecht erscheint“. Und dazu müssen sie eben Farbe bekennen und reden mit den Leuten! Zeitloser kann die Forderung an die „classe politique“ in einer Demokratie nicht sein, erst recht nicht in unserer sog. direkten Demokratie. Nur das kann die Menschen mitreissen. Und im Unterschied zu heute war es damals klar und anerkannt, dass dies nicht ohne rhetorische Schulung möglich war.

Wie sehr Protagoras Recht hatte, zeigt ex negativo der Präsident der USA. Zunächst einmal scheint es geradezu so, als ob er Protagoras‘ Satz „Aller Dinge Mass ist der Mensch, derjenigen, die sind, DASS sie sind, und derjenigen, die nicht sind, dass sie NICHT sind“, mutwillig für seine Zwecke benützt; die NZZaS titelte am 19. Juli „Trump bestimmt über Wahrheit und Lüge“ und schrieb , dass er die Lüge von der 2020 gewonnenen Wahl zum Loyalitätscheck für seine Parteimitglieder gemacht habe. Trump sagt, was ist, und dann ist es so, eine verkehrte, aber eben mögliche Konsequenz aus Protagoras‘ Entdeckung.

Zum zweiten fehlt Trump jedes bisschen an Aidṓs und Díke. Wiederum hat Protagoras Recht, wenn er dafür die Erziehung als zuständig erklärt: Von Trump ist ja bekannt, v.a. durch seine Nichte, die Psychologin. Mary Trump, wie sein Vater ihn hart und einseitig auf Geld und Reichtum hin ausgerichtet hat.

Zum dritten hat sich Trump als das genaue Gegenteil zu der von Protagoras skizzierten Führungspersönlichkeit erwiesen, als das Gegenteil von „weise und gut“, und deshalb kann und will er den Menschen auch nicht „das Gute als gerecht“ näher bringen, sondern hat einen ganzen Hofstaat von SchmeichlerInnen an sich gezogen, mit denen er das grosse Gut, die Demokratie, aushebeln will. Oder mit der Welt Ball spielt, wie weiland Charlie Chaplin in jener grossartigen Szene in „The Great Dictator“.

NB: Protagoras‘ Dictum über das Gebot des Zeus ist auch in der Antike nur selten Wirklichkeit geworden (etwa bei einem Tyrannenmord) – so selten wie in neuer und neuster Zeit…

 

*  Dr. Theo Wirth, ehem. Lehrer für Altgriechisch und Latein an der Kantonsschule Zürich und Lehrbeauftragter für die Fachdidaktik der Alten Sprachen an der Universität Zürich.

Weitere Gastartikel von Theo Wirth bei PolitReflex:

„Das Problem des schwachen Neutralen“ (Link)

„Griechenland heute: Wie geht es Land und Leuten?“ (Link)

„Si vis pacem, para bellum“ (Link)

„Was man von Enkelinnen lernen kann“ (Link)

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Platons Leiden unter Poppers Verfälschungen

„PolitReflex“-Gastautor Dr. Theo Wirth* stellt zu diesem Artikel einleitend fest: Der folgende Text „leidet“ zwar nicht an besonderer Aktualität, aber Karl R. Poppers berühmter Doppelband „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ erlebt trotz vorgerückten Alters immer wieder lobende Erwähnungen, die Poppers schwerwiegende Fehler – die teilweise gut bekannt sein sollten – nicht berücksichtigen oder nicht kennen.

Weiterlesen »

Atomwaffen im Kalten Krieg und heute

Die Erfahrung aus dem Kalten Krieg legt nahe, dass das blosse Restrisiko eines Atomwaffeneinsatzes strategisch abhaltend wirkt, selbst wenn ihr Einsatz als unwahrscheinlich betrachtet wird. Können wir uns heute noch darauf verlassen?

Weiterlesen »

Was bedeutete Hitlers Kriegsniederlage für das deutsche Volk?

Beredte Anführungs- und Schlusszeichen… Aus der Sicht der Geschichtsrevisionisten der AfD und ihrer Apologeten war das militärische Ende des Nationalsozialismus keine Befreiung des deutschen Volkes, sondern eine „Befreiung“. So Karlheinz Weissmann, „deutscher Historiker und Mitbegründer des Monatsmagazins Cato“, in der „Weltwoche“ vom 19.12.2024.

Weiterlesen »