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Leben und neue Aktualität des Schriftstellers Ernst Wiechert (1887–1950)

Am 24. August jährt sich der Todestag des deutschen Schriftstellers Ernst Wiechert zum 75. Mal. PolitReflex ging anhand dreier Werke und seiner 1945 gehaltenen „Rede an die deutsche Jugend“ auf die neue Aktualität seines Denkens und Mahnens ein. Nun veröffentlichte Klaus Weigelt, stellvertretender Vorsitzender der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft, eine einlässliche Darstellung und Würdigung von Leben und Wirken Wiecherts, der seine letzten Lebensjahre in der Schweiz verbrachte.

Klaus Weigelts Würdigung erschien am 22.8.25 in der „Preussischen Allgemeinen“ (Link).

Auszug:

„In den 1930er Jahren entstand die erste Gruppe seiner Werke, mit denen Wiechert ein bekannter Autor wurde. Romane und Novellen wie „Jedermann“, „Die Flöte des Pan“, „Die Magd des Jürgen Doskocil“, „Die Majorin“, „Der Todeskandidat“, die „Hirtennovelle“ und schließlich „Das einfache Leben“ fanden eine breite Öffentlichkeit, während der Dichter zunehmend mit dem NS-Regime in Konflikt geriet, das er in seinen berühmten Reden an die deutsche Jugend 1933 und 1935 in der Münchner Universität kritisierte. Auch seine Novelle „Der weiße Büffel“, die er in öffentlichen Lesungen vortrug, enthielt eine versteckte, aber gut hörbare Kritik an den Nationalsozialisten.

Die Geduld der Nationalsozialisten fand ein Ende, als sich Wiechert für den seit 1937 im KZ einsitzenden Martin Niemöller einsetzte. Wiechert wurde Anfang Mai 1938 von der Gestapo verhaftet, zwei Monate in München inhaftiert und anschließend in das KZ Buchenwald verbracht, wo er zwei Monate im berüchtigten Steinbruch Zwangsarbeit leisten musste, was ihn an den Rand seiner physischen Existenz brachte.

Nach seiner Entlassung wurde er dem Reichspropagandaminister Goebbels vorgeführt, der ihm „physische Vernichtung“ androhte, wenn er sich nicht in Zukunft ruhig verhielte. Trotz dieser Drohung erschien Wiecherts Bestseller „Das einfache Leben“ 1939 und erreichte eine Auflage von über 250.000.

Ansonsten aber lebte Ernst Wiechert auf seinem Hof Gagert und schrieb im Verborgenen an der zweiten Gruppe seiner Hauptwerke. Für den ersten Band der „Jerominkinder“ erhielt er keine Druckerlaubnis mehr. Also vergrub er ihn in seinem Garten, ebenso wie den zweiten Band seines Hauptwerkes und die 40 „Märchen“, die er im Winter 1944/45 schrieb. Diese Werke wurden, ebenso wie der Bericht über seine Zeit in Buchenwald „Der Totenwald“, erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht.

Im November 1945 machte Wiechert mit seiner dritten Münchner Rede noch einmal auf sich aufmerksam. Diese Rede hat Persönlichkeiten wie Ralph Giordano und Roman Herzog lebenslang beeindruckt. Giordano behandelt sie in seinem Buch „Ostpreußen ade“ ausführlich, und Herzog zitierte die Wiechert-Rede in seiner Rede als damaliger Bundespräsident zum 50. Jahrestag des Kriegsendes im Berliner Schauspielhaus vor den vier Repräsentanten der alliierten Siegermächte.

(…)

Erst in den 1980er Jahren begann die Renaissance Ernst Wiecherts. Die Stadtgemeinschaft Königsberg entdeckte, dass der französisch-deutsche Jesuitenpater Guido Reiner in den 1970er Jahren in Paris eine vierbändige „Ernst-Wiechert-Bibliographie“ publiziert und auch über den Dichter an der Sorbonne promoviert hatte. Mit Guido Reiner wurde 1989 die „Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft“ IEWG gegründet, die im Laufe der Jahre ein reges Leben entfaltete, zunächst unter der Leitung von Guido Reiner, von 1997 bis 2001 unter dem Vorsitz von Hans-Martin Pleßke, danach mit Bärbel Beutner und seit Kurzem unter der Leitung von Michael Friese. (…)

In den 1930er Jahren entstand die erste Gruppe seiner Werke, mit denen Wiechert ein bekannter Autor wurde. Romane und Novellen wie „Jedermann“, „Die Flöte des Pan“, „Die Magd des Jürgen Doskocil“, „Die Majorin“, „Der Todeskandidat“, die „Hirtennovelle“ und schließlich „Das einfache Leben“ fanden eine breite Öffentlichkeit, während der Dichter zunehmend mit dem NS-Regime in Konflikt geriet, das er in seinen berühmten Reden an die deutsche Jugend 1933 und 1935 in der Münchner Universität kritisierte. Auch seine Novelle „Der weiße Büffel“, die er in öffentlichen Lesungen vortrug, enthielt eine versteckte, aber gut hörbare Kritik an den Nationalsozialisten.

Die Geduld der Nationalsozialisten fand ein Ende, als sich Wiechert für den seit 1937 im KZ einsitzenden Martin Niemöller einsetzte. Wiechert wurde Anfang Mai 1938 von der Gestapo verhaftet, zwei Monate in München inhaftiert und anschließend in das KZ Buchenwald verbracht, wo er zwei Monate im berüchtigten Steinbruch Zwangsarbeit leisten musste, was ihn an den Rand seiner physischen Existenz brachte.

Nach seiner Entlassung wurde er dem Reichspropagandaminister Goebbels vorgeführt, der ihm „physische Vernichtung“ androhte, wenn er sich nicht in Zukunft ruhig verhielte. Trotz dieser Drohung erschien Wiecherts Bestseller „Das einfache Leben“ 1939 und erreichte eine Auflage von über 250.000.

Ansonsten aber lebte Ernst Wiechert auf seinem Hof Gagert und schrieb im Verborgenen an der zweiten Gruppe seiner Hauptwerke. Für den ersten Band der „Jerominkinder“ erhielt er keine Druckerlaubnis mehr. Also vergrub er ihn in seinem Garten, ebenso wie den zweiten Band seines Hauptwerkes und die 40 „Märchen“, die er im Winter 1944/45 schrieb. Diese Werke wurden, ebenso wie der Bericht über seine Zeit in Buchenwald „Der Totenwald“, erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht.

Im November 1945 machte Wiechert mit seiner dritten Münchner Rede noch einmal auf sich aufmerksam. Diese Rede hat Persönlichkeiten wie Ralph Giordano und Roman Herzog lebenslang beeindruckt. Giordano behandelt sie in seinem Buch „Ostpreußen ade“ ausführlich, und Herzog zitierte die Wiechert-Rede in seiner Rede als damaliger Bundespräsident zum 50. Jahrestag des Kriegsendes im Berliner Schauspielhaus vor den vier Repräsentanten der alliierten Siegermächte. (…)

Die vorerst letzte Überraschung war die Einladung der Schweizer Lesegesellschaft in Stäfa an die IEWG, sich an der Gedenkfeier zum 75. Todestag von Ernst Wiechert zu beteiligen. Die Gedenkfeier wird am 30. August 2025 in Stäfa am Zürichsee stattfinden. Im Mittelpunkt steht die Rede, die Wiechert 1947 an seine Schweizer Freunde gerichtet hat. Sie steht unter dem Titel „Das zerstörte Menschengesicht“ und ist ein sehr beeindruckender Text, der im zehnbändigen Gesamtwerk des Dichters nicht enthalten ist.

Diese Rede wird während der Gedenkstunde in der Kirche von Stäfa, in der Wiechert sie auch gehalten hat, von einem Vorstandsmitglied der IEWG vorgetragen werden. Anschließend wird es ein Podiumsgespräch geben, an dem Mitglieder der Lesegesellschaft und der IEWG teilnehmen. Zu der Veranstaltung werden mehrere hundert Teilnehmer erwartet. Das wird ein würdiges Gedenken für den ostpreußischen Dichter sein.

Natürlich ist die IEWG auch nicht untätig. Zum 75. Todestag erscheint Band 8 der Schriftenreihe. Das Buch „Lasse in der Truhe, was du Gutes hier getan“ enthält erstmalige grundlegende Bearbeitungen der „Märchen“ und der „Jerominkinder“, sowie weitere aktuelle Arbeiten über einzelne Werke des Dichters. Der Band soll zeigen, dass Wiecherts schriftstellerisches Vermächtnis nach wie vor zum Kanon deutschsprachiger Literatur gehört.

75 Jahre nach dem Tod Ernst Wiecherts ist der Dichter also keineswegs vergessen, sondern präsent!»

PolitReflex über Ernst Wiechert:

„1945: Ernst Wiecherts ‚Rede an die deutsche Jugend‘ (Link)

„Gedenken an Ernst Wiechert – auch Nachdenken über die Schweiz und Europa“ (Link)

*Können die Traumata diktatorischer Verfolgung überwunden werden?“ (Link)

„Leiden unter Mächtigen und unter verführten Massen“ (Link)

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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