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Leiden unter Mächtigen und unter verführten Massen

PolitReflex stellte Ernst Wiecherts zeitgeschichtliche Romane „Das einfache Leben“ und „Missa sine Nomine“ vor, und nun werfen wir einen Blick in sein zweibändiges Werk „Die Jeromin-Kinder“. Anlass dafür ist, dass sich am 24. August dieses Jahres zum 75. Mal Wiecherts Todestag jährt. Der Schriftsteller verbrachte seine beiden letzten Lebensjahr in Uerikon in der Zürichseegemeinde Stäfa. Die Lesegesellschaft Stäfa wird einen Gedenkanlass durchführen.

„Mit dem zweibändigen Roman ‚Die Jeromin-Kinder‘ (1945 und 1947 erschienen) verfasste Ernst Wiechert die eindrucksvolle Chronik einer bäuerlichen Familie in Masuren, der Heimat des Autors, beginnend in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts“. So beginnt der Klappentext von Band I, erschienen im Rautenberg-Verlag.

Beschrieben wird das Leiden unter politischen Fehlentwicklungen, verursacht vor und während dem Ersten Weltkrieg durch Kaiser Wilhelm II. und dessen Regierung, und später durch die Nazi-Führung und deren verhetzte Massen. Wie schon in „Das einfache Leben“ und in „Missa sine Nomine“ wird keine Heldengeschichte geschrieben, wohl aber der Wille und das Handeln eines fähigen Menschen, seine Gaben in den Dienst der Menschen zu stellen, aus deren Mitte er stammt: Jons Jeromin, Angehöriger der dritten beschriebenen Generation seiner Familie, verzichtet auf die ihm offenstehende akademische Laufbahn und wird Armenarzt in seiner Herkunftsgemeinde Sowirog (zu Deutsch Eulenwinkel). Wiechert beschreibt die Bedeutung eines solchen Menschen für die Gemeinschaft, der er sich widmet: „Ja, er würde wohl mehr hier sein müssen als ein Arzt für Kranke und Sterbende. (…) Einer, der still die Zügel nahm, wenn sie aus den alten Händen glitten. (…) Einer, der zu sorgen hatte, weil sie auf ihn blickten. Und weil sie alle ihn getragen hatten, unbewusst, aber doch getragen“ (Band II, S. 174). Zurecht wurde eine Gemeinsamkeit mit „Das einfache Leben“ erkannt: Jons Jeromin ist ein Gesinnungsverwandter des Thomas von Orla.

Die Schrecken des Krieges brechen über die Familie herein: Jons‘ Vater Jakob fällt, Jons‘ Freund fällt, ein Bruder gerät in Gefangenschaft und kehrt nach vielen Jahren mit verlorenem Gedächtnis zurück, Jons‘ Freundin erleidet einen grauenvollen Tod durch eine Explosion. Jons selbst kämpft im Ersten Weltkrieg, erlebt, wie Kameraden fallen, und wird verwundet.

Eindrücklich beschreibt Wiechert die galoppierende Inflation, den aufsteigenden Nationalsozialismus, die Ermordung eines Ministers und die aufkommende Judenverfolgung. Jons Jeromin erwirbt seine praktische ärztliche Erfahrung an der Seite des alten jüdischen Arztes Lawrenz. Jons eröffnet dann seine Praxis, und bald darauf muss er seinem Mentor Lawrenz in Sowirog Schutz bieten. Lawrenz ahnt aber, dass die Nazis ihn auch dort finden werden, und nimmt sich das Leben.

Gesellschaftliche und politische Entwicklungen werden anschaulich beschrieben. Herausgegriffen seien die ersten Medizinstudentinnen und die verächtliche Haltung von Professoren und männlichen Kommilitonen ihnen gegenüber. Ein Professor stösst die Studentinnen durch krude sexual-„medizinische“ Aussagen vor den Kopf, worauf ihn Jons spontan zurechtweist, dadurch eine Rüge erhält, sich aber auch Respekt verschafft.

Wiechert stellt dar, wie unterschiedlich sich die Beziehung von Menschen zur Religion entwickeln kann. Ein Pfarrer hadert nach einer Kinder-Epidemie mit Gott und wendet sich vom Glauben wie auch vom Pfarramt ab. Jons‘ Vater Jakob lebt einen schlichten, auf Bibellektüre gestützten Glauben. Ein junger Pfarrer, mit dem Jons Kriegsdienst leistete, verkörpert eine begeisterte, heitere Religiosität. Wiechert beschreibt jede dieser extrem verschiedenen Entwicklungen und Haltungen respektvoll und einfühlbar.

Eine der Stärken auch dieses Werks, wie schon der beiden anderen hier beschriebenen, sind die Charaktere, die Wiechert herausarbeitet: Lehrer Stilling, Polizeiwachtmeister Korsanke, Jons‘ körperhinderten Bildhauer-Bruder Christean, Jons‘ Schwester Maria, seine Nichte Barbara, seine Praxisassistentin und spätere Partnerin Hanna, aber auch Bösewichte und Narren… Es müsste eine wunderbare Herausforderung sein, für diese Figuren Schauspielerinnen und Schauspieler für eine Verfilmung zu casten!

Die beiden vorangegangenen Buchvorstellungen:

„Gedenken an Ernst Wiechert (1887 – 1950) – auch Nachdenken über die Schweiz und Europa“ (Link)

„Können die Traumata diktatorischer Verfolgung überwunden werden?“ (Link)

 

 

 

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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