Wegen einer Stellungnahme für Pastor Niemöller (Bekennende Kirche) und anderen Äusserungen, die den Nazis missfielen, wurde Wiechert am 8. Mai 1938 in Polizeihaft genommen und am 4. Juli desselben Jahrs ins Konzentrationslager Buchenwald verbracht. Bei seiner Entlassung bedrohte ihn Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich mit dem Tode. Aus Goebbels‘ Tagebuch: „Ich lasse mir den Schriftsteller Wiechert aus dem K.Z. vorführen und halte ihm eine Philippica, die sich gewaschen hat. Ich dulde auf dem von mir betreuten Gebiet keine Bekenntnisfront. Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab. Eine letzte Warnung! Darüber lasse ich auch keinen Zweifel […] Hinter einem neuen Vergehen steht nur die physische Vernichtung. Das wissen wir nun beide.“ (Link)
Die Jahre bis zur Befreiung verbrachte Wiechert in Deutschland in der Inneren Emigration. Werke, die er in dieser Zeit schrieb, bezeugen seine unüberbrückbare Distanz zu den Machthabern. Im Folgenden werde ich am Beispiel des Romans „Das einfache Leben“ näher darauf eingehen.
1947, im Jahr vor seiner Übersiedelung in die Schweiz, wurde er eingeladen, an einer Goethe-Feier in der Kirche in Stäfa die Festrede zu halten. 150 Jahre zuvor hatte Goethe Stäfa besucht (Link). Wiechert stellte die Rede unter den Titel „Das zerstörte Menschengesicht“ und brachte darin seine Verbundenheit mit einer von Krieg und Besetzung verschonten Schweiz zum Ausdruck, in der europäische Zivilisation und Kultur überleben konnten. Aber er idealisierte die Schweiz nicht. Er mutete der Festgemeinde auch dies zu: „Angst lag über der ganzen Welt, und kein Land ist verschont geblieben von dieser Angst, auch das Ihrige nicht. Und sollte noch jemand unter Ihnen sein, der geneigt wäre, zu richten und zu verurteilen, so sollte er sich der Züge der Todgeweihten erinnern, die an Ihre Grenze kamen und die an der Grenze zurückgeschickt wurden.“ Und später: „Lassen Sie uns nicht denken, dass die Dämonen zurückgetrieben worden seien in ihr Reich der Höhlen und der Finsternis. Dass ein Land wie die Schweiz nicht nötig hätte, sich um zerstörte Menschengesichter zu kümmern.“
Wenn ich im Titel dieses Auftakts zum Wiechert-Gedenkjahr schreibe, es sei auch ein Nachdenken über die Schweiz und Europa, knüpfe ich hier an: Wie hat die Schweiz in der Entwicklung ihrer Beziehung zu Europa dem Privileg, dass sie verschont blieb, Rechnung getragen? Wie tut sie es heute und morgen?
Wiecherts Werk, vor allem sein Spätwerk, hat uns Viel zu sagen. Zum Beispiel durch ein Thema, das leider wieder aktueller wird: Wie kann ein Mensch aus dem Krieg kommen? Welche persönlichen und politischen Konsequenzen kann er ziehen? Ich greife den Roman „Das einfache Leben“ heraus, den Wiechert 1939 vollendete: Auf das Ende des Ersten Weltkriegs folgen in Deutschland einerseits die „Roaring Twenties“: Teile der Gesellschaft geben sich der Vergnügungsbegeisterung, ja Vergnügungssucht hin. Anderseits regen sich politische Tendenzen und bauen sich auf, die zu Revanchismus und schliesslich in den Nationalsozialismus führen werden. Thomas von Orla, der Korvettenkapitän der kaiserlichen Kriegsmarine war, und sein Obermatrose Friedrich Wilhelm Bildermann setzen sich mit beiden Fehlentwicklungen auseinander und entscheiden sich gemeinsam für ein radikal Anderes: Sich bewusst, reflektiert, einem bescheidenen, sinngebenden Arbeitsleben als Fischer zu widmen – ein schwerer, zu Konfrontationen und persönlichen Opfern führender Weg, aber ein Weg zu Selbstachtung, ohne in die Banalität eines glücklichen Endes zu münden. Orla, Bildermann und eine kluge junge Marianne gehören für mich zu den eindrücklichsten Gestalten der deutschen Literatur dieser Epoche, und ich mag den liebenswerten, schein-naiven Zweizeiler nicht weglassen, in den Thomas von Orlas – alles Andere als naiver – Freund und Mitarbeiter seine Schicksalsergebenheit fasst: „Es liegt ein sanfter milder Bann / Auf Friedrich Wilhelm Bildermann.“
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Am Zürichsee bildete sich vor und während der beiden Jahre, die Wiechert hier wohnte, ein bedeutender Freundeskreis. Stäfa wird wohl den Jahrestag nicht unbeachtet vorüberziehen lassen. Auch die Internationale Ernst-Wiechert-Gesellschaft (Link) dürfte darauf eingehen.
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Aus dem Nachruf Werner Webers, des Feuilleton-Leiters der NZZ, auf Ernst Wiechert, noch an dessen Todestag auf der Frontseite der NZZ-Abendausgabe erschienen:
„(…) Der schon vor 1933 mit manchen Preisen ausgezeichnete und von einem grossen Leserkreis geliebte Dichter hat von den Machthabern im Dritten Reich keine Ehrung begehrt und auch keine empfangen. Sein unerschütterlicher Glaube an ein Leben in humanen Ordnungen wurde ihm unter einer dem Humanen entfremdeten Herrschaft bald zum Verhängnis. Und als er seine Stimme offen zugunsten manches Verfolgten erhob, schlug für ihn selber die harte stunde: Er wurde 1938 verhaftet und ins Lager Buchenwald eingeliefert. Nach dem Kriege siedelte der Dichter in die Schweiz über, in der er, nach seinem eigenen Wort, eine Heimat gefunden hat, nicht äusserlich, sondern in dem ernsteren Sinn, dass ihm dort Menschengesichter begegneten, ‚über die die Hand der Dämonen nicht geglitten ist, die ihre Sorge, ihr Leid, ihre Traurigkeit tragen wie jedes Menschengesicht, aber was sie tragen, tragen sie nach dem alten Gesetz der Erde, und dahinter steht unsichtbar Gottes Hand und nicht die Hand der Dämonen. (…)
Die Stimme Ernst Wiecherts ist verstummt. Aber die Vielen, zu denen er als Dichter und als Mensch gesprochen hat, werden nicht vergessen, dass er seinem „Einfachen Leben“ jenes Gleichnis des Tschuang-Tse voranstellte, in dem ein Weiser zu begreifen gibt, er habe sich vom Körper freigemacht und habe seine Gedanken entlassen. Und da er so des Leibes und des Geistes ledig geworden sei, habe er mit dem Alldurchdringenden eins werden können. Gerade so hat Ernst Wiechert sein eigenes ‚Abendziel‘ verstanden.“
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Zum Abschluss eine Lese-Empfehlung: Ernst Wiechert, „Rede an die deutsche Jugend“, 1945 (Link).
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Siehe auch:
„Können die Traumata diktatorischer Verfolgung überwunden werden?“ (Link)
„Leiden unter Mächtigen und unter verführten Massen“ (Link)