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Können die Traumata diktatorischer Verfolgung überwunden werden?

PolitReflex wies bereits darauf hin, dass sich dieses Jahr der Todestag Ernst Wiecherts zum 75. Mal jährt*. Der Schriftsteller der inneren Emigration verbrachte seine letzten Lebensjahre in Stäfa am Zürichsee. Dieser Beitrag nun geht auf sein letztes Werk ein. Es erschien in seinem Todesjahr und handelt von einem Thema, das leider wieder aktuell zu werden droht: Können Traumata diktatorischer Verfolgung überwunden werden?

Das Werk trägt den Titel „Missa sine Nomine“. In seinem Mittelpunkt steht Amadeus von Liljecrona. Er war bis Kriegsende als politischer Dissident in einem Konzentrationslager. Das Werk handelt von seiner Selbstfindung nach seiner Befreiung – in einem Beziehungsfeld, in dem jeder und jede seine, ihre Geschichte mitbringt, von Menschlichkeit, Anpassung, Mitläufertum bis zu Mittäterschaft und Verrat.

Amadeus ist – unter anderen Voraussetzungen – ein Schicksalsgenosse des Thomas von Orla, der in Wiecherts „Das einfache Leben“ aus dem Ersten Weltkrieg kommt und mit seinem Marinekameraden Friedrich Wilhelm Bildermann seinen Weg sucht, abseits von Roaring Twenties und aufkommendem Revanchismus. Vergleichbar mit Bildermann, findet Liljecrona den alten Kutscher Christoph als lebensklugen Gedanken- und Gesprächspartner.

Amadeus hat einen KZ-Schergen erschossen und legte auf junge Mordgesellen an, die nach dem Kriegsende ihr Unwesen trieben. Doch mehr und mehr setzte sich in seinem Denken der Wille zu Vergebung und Versöhnung durch, auch als Voraussetzung für einen gemeinsamen Neubeginn. Er verzeiht einer nationalsozialistisch verhetzten jungen Frau, die ihn umbringen lassen wollte, und ermöglicht ihr, ihren ungeistigen Ballast abzuwerfen. Er entlastet als Zeuge in einem Strafprozess den Mann, der ihn angeschwärzt und seine Überführung ins KZ verursacht hatte, und ermöglicht ihm einen Neubeginn.

Es ist verständlich, sich mit dieser Versöhnlichkeit schwerzutun. Aber man muss sich bewusst sein, dass es für den Neubeginn nach dem Sturz von Unrechtsregimen beides brauchte: Aufdeckung der Wahrheit und Bestrafung einerseits – Bereitschaft, sich wieder anzunehmen, anderseits. Wohl jedes Land, das von Hitler besetzt gewesen war, musste diesen Weg finden. Auch Spanien und Portugal nach dem Ende der Diktaturen von Franco und Salazar. Und denke man auch an Südafrika nach dem Fall der Apartheid.

„Das zerstörte Menschengesicht“: Unter diesen Titel stellte Wiechert die Rede, die er 1947 zum 150. Jahrestag von Goethes Aufenthalt in Stäfa hielt. In „Missa sine Nomine“ nimmt er dieses Wort wieder auf: „(…) Und vielleicht blickte keiner von ihnen mit solcher Zuversicht in dieses Gesicht des Lebens wie der Freiherr Amadeus, wenn er am Abend vor der Schwelle sass, an die er den alten, zerschlissenen Lehnstuhl gerückt hatte. Er hatte keine Frau und keine Kinder verloren, aber er war der Gewalt und dem Beil und dem zerstörten Menschengesicht am nächsten von ihnen allen gewesen. Er war am tiefsten getäuscht und am tiefsten entwürdigt worden. Er war vielleicht auch am meisten gehasst worden. (…) (Er hatte seine Zuversicht) wohl mit mehr Schmerzen gewonnen als die anderen. Sie war ihm nicht nur zugefallen, er hatte sie mit wunden Händen ausgegraben aus den noch glühenden Trümmern. Er war der einzige unter ihnen, der getötet hatte, und doch war die Zuversicht gekommen. Er war der einzige, der wiedergekommen war mit der Bereitschaft, von neuem zu töten, wenn es nötig sein würde, und doch war die Zuversicht da. (…)“ (Ausgabe 1957, Bertelsmann Lesering, S. 333).

*  „Gedenken an Ernst Wiechert (1887 – 1950) – auch Nachdenken über die Schweiz und Europa“ (Link)

Siehe auch:

„Leiden unter Mächtigen und unter verführten Massen“ (Link)

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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