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Gerade jetzt den Geschichtsunterricht schwächen?

Geschichtswissen und Geschichtsbewusstsein sind für die politische Orientierung wichtiger denn je. Mit gutem Grund erscheinen immer neue Publikationen, die die heutigen Krisen und Kriege historisch erklären, und Zeitungen leisten sich historische Beilagen. Gerade jetzt den Geschichtsunterricht zu schwächen, wäre unvereinbar mit der zu Recht geforderten Heranbildung kompetenter Aktivbürgerinnen und -bürger.

Mario Andreotti im Gastbeitrag „Der fatale Niedergang des Schulfachs Geschichte“ in der NZZ vom 22. Mai 2023 (Link):

„Wie sollen junge Leute um den hohen Wert der Demokratie wissen, den es um jeden Preis zu erhalten gilt, wenn sie im Schulunterricht nie erfahren haben, mit welchen Mühen und Opfern die Entstehung der modernen westlichen Demokratien mit ihrer Sicherung der Freiheitsrechte verbunden war?“

*

Ergänzende Beispiele relevanter und spannender Geschichte:

Wer die Behauptung beurteilen soll, die Schweiz müsse militärisch neutral bleiben, weil die Neutralität die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs vor dem Einmarsch von Hitlers Wehrmacht und SS geschützt habe, muss wissen, dass die Schweizer Armee eine gemeinsame Verteidigung mit der französischen vorbereitet hatte, und dass Bundesrat und General nach Frankreichs Kapitulation die Strategie des Alpenréduits beschlossen und ausführten – das Mittelland hätte gegen die Nazis militärisch nicht verteidigt werden können. Dass die Schweiz nicht besetzt wurde, war kein militärischer, sondern ein politischer Erfolg – verbunden mit problematischen, nicht durchwegs neutralitätskonformen Zugeständnissen. Das bedeutet nicht, dass die Armee im Réduit nutzlos war. Sie hätte ein schweizerisches Rest-Territorium verteidigt, was für eine Nachkriegsordnung wichtig gewesen wäre. – Gut zu wissen auch, dass die Neutralität während des Ersten Weltkriegs sinnvoll und für die Wahrung des inneren Zusammenhalts nötig war. Befasst man sich damit, erkennt man auch, dass die Lage heute völlig anders ist.

Wer die Polemik gegen die USA vernimmt, sie führten ihre Kriege immer ausserhalb ihres Kontinents, sollte wissen, dass die Briten und die Sowjets Hitlers Truppen nur nach – und dank – dem Eingriff der USA in den Krieg besiegen konnten. Es war der britische Premier Winston Churchill, der die USA überzeugen konnte, in den Krieg einzutreten, und es war Stalin, der dringend die Eröffnung einer zweiten Front im Westen Europas forderte. – Wie würde wohl eine Strassenumfrage zum Beispiel in Zürich ausfallen, wer Churchill, Roosevelt und Stalin gewesen seien, oder gar de Gaulle, Mussolini, Hirohito? Hitler wäre wohl noch am bekanntesten, auch weil er noch heute Anhänger hat.

Wer wissen will, ob es berechtigt ist, die militärische Unterstützung der Ukraine, den militärischen Widerstand gegen Putins Imperialismus mit der gescheiterten Appeasement-Politik Grossbritanniens und Frankreichs vor dem Zweiten Weltkrieg zu begründen, müsste darüber informiert sein, aber auch über das „Gleichgewicht des Schreckens“, nachdem die USA das Atomwaffen-Monopol verloren hatten.

Und wer erkennen soll, wie historisch neu, einzigartig und auch aus schweizerischer Sicht erhaltenswert die westeuropäische und nun auch mitteleuropäische Friedensordnung auf der Basis der Europäischen Union und der NATO ist, kann dies nur, wenn er oder sie weiss, dass die Geschichte Europas bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Wesentlichen eine Kriegsgeschichte war: Nach der Französischen Revolution eine Geschichte der Kriege zwischen Nationen und ihren Bündnissen, und zuvor eine Geschichte der Kriege zwischen Fürstenhäusern und deren Bündnissen.

Weitere Beispiele finden sich in der Rubrik „Geschichte und Gegenwart“ von PolitReflex: Link.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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