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1945: Ernst Wiecherts «Rede an die deutsche Jugend»

Weshalb interessiert in der Schweiz die «Rede an die deutsche Jugend», die Ernst Wiechert, von den Nazis verfolgter Schriftsteller der inneren Emigration, hielt? Die Rede war ein Appell «Nie wieder!» Sollte Rechtsextremismus in Deutschland wieder an die Macht gelangen, geriete die Schweiz als Nachbarland und als Teil Europas in Gefahr.

Ernst Wiechert verbrachte seine beiden letzten Lebensjahre in der Schweiz, in Stäfa am Zürichsee. Am 24. August jährt sich sein Todestag zum 75. Mal. Am 30. August führt die Lesegesellschaft Stäfa gemeinsam mit der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft einen Gedenkanlass durch.

Waltraud Wende-Hohenberger berichtet in ihrem Werk «Ein neuer Anfang? Schriftsteller-Reden zwischen 1945 und 1949» (Link): «Ein halbes Jahr nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges — am 11. November 1945 — wurde in München eine der ersten bedeutenden öffentlichen Reden gehalten, in der sich ein deutscher Schriftsteller mit dem vorausgegangenen Nationalsozialismus auseinandersetzte: Der Redner hieß Ernst Wiechert. Seine in den Monaten Mai und Juni konzipierte ’Rede an die deutsche Jugend’, die er in den Münchener Kammerspielen hielt, richtete er an ein Publikum, das sich vorrangig aus ehemaligen Hitlerjungen und heimgekehrten Soldaten, Ausgebombten und Flüchtlingen, Kriegsverwundeten und Kriegswitwen, Nazigegnern und Mitläufern zusammensetzte und für das der verlorene Zweite Weltkrieg, die Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes, Deutschlands ‘Bedingungslose Kapitulation’ vom 8. Mai 1945 eine noch unmittelbare existentielle Alltagserfahrung darstellte.»

Link zur „Rede an die deutsche Jugend“.

«Lasst uns den Anfang bedenken, damit wir das Ende begreifen»

Zu Beginn der Rede befasste sich Wiechert mit der Frage, wie es zur Katastrophe kommen konnte, die der Nationalsozialismus über Europa und damit auch über Deutschland brachte: «Lasst uns den Anfang bedenken, damit wir das Ende begreifen. Niemand kann sagen, dass er den Schlag des Pendels überhört hat. Niemand war, den es nicht angegangen hätte. (…)  Der Schlag des Pendels ging durch die Kirchen wie durch die Schulen. Durch die Universitäten wie durch die Gerichtshöfe. Durch Paläste wie durch die Kammer des armen Mannes. (…) Es forderte die Entscheidung. Es forderte das Ja oder Nein, und nichts darüber.»

Die Niederschlagung von Widerspruch und Widerstand

Sodann erinnert Wiechert an die Niederschlagung des Widerspruchs, des Widerstands: «Sie sahen und vernahmen es, und an allen Orten stand einer unter ihnen auf und hob die Hand gegen die trübe Flut der Lüge und der Gewalt, die auf sie niederdonnerte (…) Aber die aufgehobene Hand wurde zerbrochen, und der geöffnete Mund wurde geschlossen, mit Schlagringen und Knüppeln, und die Herumsitzenden rückten ab von ihm wie von einem Geächteten und liessen ihn liegen wie den Mann, der sich aufmachte nach Jericho. (…) Damals, meine Freunde, war für die Wissenden schon zu lesen, wie das Gesicht eines Teils dieses Volkes zehn Jahre später aussehen würde. Das Gesicht der Führer wie der willig Geführten, der Alten wie der Kinder, der grossen Besitzenden wie der kleinen Habenichtse. Das Gesicht eines Volkes, ins Gesetzlose geführt, und im Gesetzlosen nun wuchernd wie Unkraut im Weizenfeld. (…) Die erste Machtprobe war bestanden, und dem ‘Übermenschen’ war klar geworden, dass von diesem Volk nichts mehr zu befürchten war.»

Das Versagen der militärischen Eliten

«Der Krieg kam, wie wir ihn erwartet hatten», stellt Wiechert fest. «Er begann mit Lüge und Gewalt, mit Heimtücke und nackter Brutalität, mit Prahlerei und Fanfaren. (…) Wohl waren viele unter den Stillen im Lande, die meinten, dass die Stunde nun gekommen sei, in der ganze Divisionen unter ihren Generalen den Gehorsam verweigern und die Macht ihrer Waffen gegen Unrecht und Gewalt kehren würden. (…) Sie hatten vergessen, dass dieselben Generale schweigend zugesehen hatten, wie einer der ihren am 30. Juni 1934 von den Henkern ihres nunmehrigen Kriegsherrn mit seiner Frau ermordet worden war (Kurt und Elisabeth von Schleicher, Red.), und wie ihr Kriegsherr mit seiner frechen Lüge diesen Mord gerechtfertigt hatte. (…) Sie hatten vergessen, und erst der Lauf des Krieges erinnerte sie daran, dass Sklaven im goldenen Kleid würdeloser sind als Sklaven im Bettelkleid. Dass Diebe und Henker eine Uniform tragen konnten und dass kein Ritterkreuz des obersten Kriegsherrn seine Träger zu dem verschollenen Ideal der Ritterlichkeit verpflichtete.»

Und dann geht Wiechert auf das gescheiterte Attentat des 20. Juli 1944 und die Hinrichtungen Widerständiger ein: «Erst die Galgen, an denen viele der ihren hingen, ohne dass einer der Feldmarschälle seinen Marschallstab zerbrochen und in das Gesicht der Mörder geschleudert hätte, liessen die Schuppen von ihren Augen fallen und zeigten ihnen, zu wem sie gehörten.»

Der Aufruf an die deutsche Jugend

Wiecherts Aufruf an die deutsche Jugend ist von seiner Verwurzelung im Christentum mitgeprägt – obwohl er in dieser Rede, wie schon in seinem Romanwerk «Die Jeromin-Kinder», sein Bewusstsein darum ausdrückt, dass man den Glauben an den Gott der Kindheit verlieren kann:

«Lasst die am Besitz Hängenden ihre Häuser und ihren Hausrat ausgraben aus dem Schutt der Zerstörung. Ihr aber sollt etwas Anderes ausgraben, was tiefer begraben liegt als dieses: ihr sollt Gott ausgraben unter den Trümmern des Antichrist, gleichviel, welchen Namen ihr ihm gebt. Und ihr sollt die Liebe ausgraben unter den Trümmern des Hasses. Und ihr sollt die Wahrheit wieder ausgraben und das Recht und die Freiheit und vor den Augen der Kinder die Bilder wieder aufrichten, zu denen die besten aller Zeiten emporgeblickt haben aus dem Staub ihres schweren Weges. (…) Erkennt bis zu Eurem Herzensgrunde, was die Gewalt ist, die Lüge, der Hass, das Unrecht, die Phrase.»

Und schliesslich – bei aller Härte gegenüber den Tätern – jene nicht leicht nachvollziehbare Bereitschaft zu Versöhnung mit denen, die schwach und uneinsichtig waren: Jene Bereitschaft, wie sie in Wiecherts Spätwerk «Missa sine Nomine» der Protagonist Amadeus von Liljecrona vertritt, der als politischer Gefangener in einem KZ war und dann einen KZ-Schergen tötete. Wiechert an die deutsche Jugend: «Und wenn ihr glaubt, dass ihre Herzen neu geworden sind, stosst sie nicht zurück! Solange kein Blut an ihren Händen ist, stosst sie nicht zurück. Wir haben alle gefehlt, und es kommt uns nicht an, zu richten, selbst denen unter uns nicht, die am meisten gelitten haben.»

Und was tat dann diese deutsche Jugend?

Nach dem Kriegsende hatte noch nicht so bald die deutsche Jugend, an die sich Wiechert wandte, das Sagen und Handeln. Das neue freie Deutschland wurde nicht nur durch Menschen, die widerständig gesinnt oder gar tätig waren, sondern auch durch stark belastete aufgebaut. Auch die Siegermacht USA hatte keine Bedenken dagegen, und sie bediente sich zum Beispiel selbst der Kompetenz des deutschen Raketenpioniers Wernher von Braun. Angesichts der Bedrohung durch Stalin war man strategisch interessiert an einem Wiedererstarken Deutschlands. Präsenz und Einfluss nationalsozialistisch Belasteter, auch an Universitäten, wurde zu einem spezifisch deutschen Thema der Studentenproteste 1968. Aber auch in der Besatzungszone der Sowjetunion und dann in der DDR kamen vormalige Nazi-Täter zum Einsatz.

«Deutsche Jugend», an die sich Wiechert wandte, bekam gegen Ende der fünfziger Jahre allmählich politischen Einfluss. Sie war dabei, als sich Deutschland in die Gemeinschaft der europäischen Demokratien einbrachte:  1957 mit Frankreich, Italien, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gründete. Die «Deutsche Jugend» von 1945 wirkte am Aufbau und an der Konsolidierung eines stabilen demokratischen Rechtsstaats mit. Ihre Kinder und Enkel führten dies fort. Nun regt sich wieder ein neuer Rechtsextremismus und findet Besorgnis erregende Unterstützung. Werden die tiefen Gräben zwischen den demokratischen Parteien das «Nie wieder!» in Frage stellen?

Ulrich Gut.

Siehe auch:

„Gedenken an Ernst Wiechert (1887 – 1950) – auch Nachdenken über die Schweiz und Europa“ (Link)

„Können die Traumata diktatorischer Verfolgung überwunden werden?“ (Link)

„Leiden unter Mächtigen und unter verführten Massen“ (Link)

 

 

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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