Gedanken an meinem 70. Geburtstag
Dankbarkeit, Sorge – und ein Aufruf gegen die Resignation.
Dankbarkeit, Sorge – und ein Aufruf gegen die Resignation.
Nun lesen wir Artikel, in denen über Russland und allem Russischen der Stab gebrochen wird – wie während und nach dem Zweiten Weltkrieg über Deutschland und allem Deutschen. Zeit für einen Blick in die Geschichte.
Kernkompetenzen von Diktatoren sind Machterhaltung und Unterdrückung von Widerständen. Mit Stalin und Mao musste der Westen jahrzehntelang koexistieren. Hitler stürzte nur, weil er und seine Verbündeten den Zweiten Weltkrieg verloren. Wie steht es um die Hoffnungen, der Ukraine-Krieg werde zu Putins Sturz führen?
„Wegbereiter der deutschen Demokratie – 30 mutige Frauen und Männer 1789-1918“: Unter diesem Titel hat der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Buch veröffentlicht, das den langen, schweren deutschen Weg von Demokratie und Liberalismus, Arbeiterbewegung, Emanzipation der Frauen und der jüdischen Bevölkerung ins Licht rückt. Einige der darin Gewürdigten fanden im Laufe ihres Kampfes Zuflucht in der Schweiz.
Überlegungen, ob sich die ukrainische Armee gegen die russische behaupten könnte, veranlassten kürzlich jemanden zu einem Tweet, wenn man dies bezweifle, könne man auch gleich die Schweizer Armee abschaffen. Aber der Sinn einer nationalen Armee kann nicht darin bestehen, sich allein gegen eine angreifende atomare Supermacht zu verteidigen. Deshalb ist die Hoffnung des ukrainischen Präsidenten verständlich – wenn auch derzeit wohl nicht realistisch -, dass der Krieg gleich mit dem russischen Angriff zu einem europäischen würde.
Zur Politisierung meiner Generation (ich bin Jahrgang 1952) und wohl auch jüngerer Menschen gehörte der Konsens, dass die „Appeasement“-Politik gegenüber Hitler, kulminierend 1938 im Münchner Abkommen, den Zweiten Weltkrieg nicht verhindert, sondern im Gegenteil in seiner vollen Wucht herbeigeführt habe.
Erstaunliche Zeugnisse kultureller, gesellschaftlicher und politischer Fortschrittlichkeit und Weltoffenheit in Wien, vor, während und nach dem Niedergang der K-und-K-Monarchie, dann beim Aufstieg des Austrofaschismus und dem Anschluss an Nazi-Deutschland: In Kurzberichten der Journalistin und Salon-Gastgeberin Berta Zuckerkandl-Szeps.
„Reportagen aus Deutschland und Österreich“: 1945 berichtete der britische Schriftsteller George Orwell als Journalist, während der Krieg noch im Gang war. – Ein nächster Grosskrieg wäre nicht wie der letzte. Wahrscheinlich wäre er noch vernichtender, vor allem wenn Atomwaffen eingesetzt würden, auch wenn es „nur“ atomare Gefechtsfeldwaffen wären. Trotzdem sollten wir uns angesichts wachsender Grosskriegsrisiken vor Augen zu führen, was die Zivilbevölkerung durch den Zweiten Weltkrieg erlitt – im Bewusstsein, dass sie durch einen nächsten Grosskrieg noch härter getroffen werden könnte.
Die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sind durch die Untaten der Nazis so belastet, dass es den autoritären Kräften in Polen innenpolitisch viel zu leicht fällt, deutsche Vorhaltungen polemisch zurückzuweisen. Bei allem Respekt, bei aller Dankbarkeit für die Leistung Deutschlands, einen stabilen demokratischen Rechtsstaat aufgebaut zu haben – die EU ist gross genug, um andere an die vorderste Front des Rechtsstaatsstreits zu stellen: Nebst der Kommission vor allem Staaten, die selbst Opfer der Nazis waren.
Willy Bretscher, 1933-1967 Chefredaktor der NZZ, stellte sich mutig gegen den Nationalsozialismus und gegen die Anpassung der Schweiz an ihn. Bleibt die NZZ der Geschichte des Widerstands gegen rechten und linken Extremismus, den er verkörperte, treu? Derzeit muss ihre Leitung durch die Leserschaft dazu angehalten werden.
Die Wahrscheinlichkeit eines Kriegs des Westens gegen China und Russland steigt. Zwingt die Erfahrung des Scheiterns der „Appeasement“-Politik gegen Hitler zum Verzicht auf eine Friedenspolitik des Interessenausgleichs? Bevor dieser Schluss gezogen wird, sind genaue Überlegungen nötig, weshalb „Appeasement“ scheiterte und Hitler den Krieg mit eklatanten Erfolgen beginnen konnte.
In rascher Abfolge veröffentlicht die NZZ kritische Aufrufe aus der Redaktion und von Gastautoren an EU-Europa, Willen und Bereitschaft zu militärischem Eingreifen zu stärken: Von Serbien und Kosovo bis ins südchinesische Meer. Dass solche Appelle aus der Schweiz kommen, kann damit zusammenhängen, dass die Schweiz durch die beiden Weltkriege nicht verwüstet wurde. Und vielleicht auch damit, dass man hierzulande unausgesprochen davon ausgeht, die Neutralität würde die Schweiz auch vor den Folgen eines weiteren Grosskriegs schützen.