Sie befinden sich hier:

Wenn sich die NZZ als Werbemittel der AfD hergibt – Zeit, an Willy Bretscher zu erinnern.

Willy Bretscher, 1933-1967 Chefredaktor der NZZ, stellte sich mutig gegen den Nationalsozialismus und gegen die Anpassung der Schweiz an ihn. Bleibt die NZZ der Geschichte des Widerstands gegen rechten und linken Extremismus, den er verkörperte, treu? Derzeit muss ihre Leitung durch die Leserschaft dazu angehalten werden.

„Der Chefredaktor, den die Nazis hassten“: Unter diesem Titel würdigte ihn Marc Tribelhorn, Inlandredaktor der NZZ, anlässlich des 25. Todestags (Link).

Auszug:

„Für den Fall, dass Hitlers Schergen ihn aufsuchen sollten, hatte er vorgesorgt: Im Pult seines Büros an der Zürcher Falkenstrasse lagerte Willy Bretscher in den bedrohlichsten Phasen des Zweiten Weltkriegs eine Pistole, griffbereit und geladen. «Eher den Tod, als in Knechtschaft leben», heisst es bei Schillers «Wilhelm Tell». Und man darf annehmen, dass auch der freiheitlich denkende damalige Chefredaktor der NZZ notfalls abgedrückt hätte. Mit klarem liberalem Kompass führte Bretscher die Zeitung durch die dunkelsten Zeiten des vergangenen Jahrhunderts. Unermüdlich und mit grossem politischem Geschick warnte er vor dem braunen Gift, das aus dem Norden und dem Süden in die Schweiz zu schwappen drohte. (…)

1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, wurde der erst 36-jährige Autodidakt zum Chefredaktor der NZZ ernannt. Eine überraschende Wahl, die sich für die Zeitung jedoch auszahlen sollte. Unverzüglich brandmarkte Bretscher die frontistischen «Erneuerer», die in Zürich bereits mit den Freisinnigen paktierten, als unschweizerische Nachäffer der Nazis. Auch die Linksextremen, die in Zeiten wirtschaftlicher Not und politischer Unsicherheit verstärkt Zulauf erhielten, nahm er ins Visier. Untergang im bolschewistischen Chaos oder Knechtschaft und Kulturbarbarei im Faschismus? Das sei eine «unhaltbare Alternative», schrieb Bretscher 1937. «Wer den Staat als Rechtsstaat, wer die Freiheit als Bestimmung des Menschen und den Humanismus als Ziel will, kann nicht für eines der beiden totalen Staatssysteme optieren, ja kann schon den Zwang zu einer solchen Option nicht anerkennen. (. . .) Aus dieser innersten Überzeugung heraus setzen wir dem Entweder-oder! der Anbeter der Diktaturen getrost ein festes eidgenössisches Weder-noch! entgegen.» (…)“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Streit mit Polen um Rechtsstaatlichkeit: Deutschland sollte nicht an der Front stehen müssen.

Die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sind durch die Untaten der Nazis so belastet, dass es den autoritären Kräften in Polen innenpolitisch viel zu leicht fällt, deutsche Vorhaltungen polemisch zurückzuweisen. Bei allem Respekt, bei aller Dankbarkeit für die Leistung Deutschlands, einen stabilen demokratischen Rechtsstaat aufgebaut zu haben – die EU ist gross genug, um andere an die vorderste Front des Rechtsstaatsstreits zu stellen: Nebst der Kommission vor allem Staaten, die selbst Opfer der Nazis waren.

Weiterlesen »

Historische Assoziationen zu Erdogans Libyen-Feldzug

Erdogans Libyen-Feldzug erinnert daran, dass militärisch erfolgreiche Machthaber und Mächte an übertriebenen Ambitionen scheiterten: Napoleon und Hitler mit ihren Russland-Feldzügen, Japan im Zweiten Weltkrieg an der Herausforderung der USA. Erdogans Chance besteht in einer Verständigung mit Russland – die eine weitere Assoziation hervorruft.

Weiterlesen »