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Allein gegen eine Supermacht?

Überlegungen, ob sich die ukrainische Armee gegen die russische behaupten könnte, veranlassten kürzlich jemanden zu einem Tweet, wenn man dies bezweifle, könne man auch gleich die Schweizer Armee abschaffen. Aber der Sinn einer nationalen Armee kann nicht darin bestehen, sich allein gegen eine angreifende atomare Supermacht zu verteidigen. Deshalb ist die Hoffnung des ukrainischen Präsidenten verständlich – wenn auch derzeit wohl nicht realistisch -, dass der Krieg gleich mit dem russischen Angriff zu einem europäischen würde.

Obwohl bisher weder die NATO noch deren Mitgliedstaaten beabsichtigen, mit Truppen in einen Ukraine-Krieg einzugreifen, erwartet Selenskyj bei russischem Einmarsch „grossflächigen Krieg in Europa“ (Link). Wie kommt er dazu? Aus Verzweiflung – oder aufgrund nichtöffentlicher Informationen? Hat ihm vielleicht Polen Hoffnung auf Beistand durch Truppen gemacht? Oder will uns Selenskyj sagen, auf den Einmarsch in die Ukraine folge der Schlag gegen das Baltikum?

Was nun die Bezugnahme auf die bewaffnete Neutralität der Schweiz und deren Armee betrifft, ist daran zu erinnern, dass sie nicht dazu bestimmt ist, auf sich allein gestellt einen Angriff einer Supermacht abzuwehren, der sich nur gegen die Schweiz richtet. Ein solches Szenario wurde immer als unrealistisch betrachtet. Man ging davon aus, dass die Schweiz als neutraler Staat berechtigt und gezwungen sei, sich mit dem Feind des Feindes zu verbünden, wenn sie angegriffen werde.

So gab es eine gemeinsame Planung der französischen und schweizerischen Armeeführungen für den Fall eines deutschen Angriffs auf die Schweiz*. Diesbezügliche Akten fielen nach der Kapitulation Frankreichs in die Hände der Deutschen.

Als die Schweiz nach dem Zusammenbruch Frankreichs von den verbündeten Achsenmächten Deutschland und Italien umzingelt war, setzten Bundesrat und General die Réduit-Strategie um: Rückzug der Armee in den Alpenraum, um einen Teil des Staatsgebiets unbesetzt zu halten, aber damit auch baldige Einstellung der militärischen Verteidigung der tiefer gelegenen Landesteile. Das war realistisch, aber man stelle sich auch vor, was die Besetzung und vielleicht Annexion grosser Landesteile durch Wehrmacht und SS, wohl verbunden mit brutalen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, und die Selbstisolation der Soldaten und FHD-Frauen im Réduit, für die Moral der Truppe und der Zivilbevölkerung bedeutet hätten. (Link zum Artikel des Historischen Lexikons der Schweiz über das Réduit.)

*  „Mit den 1936 angebahnten Generalstabsbesprechungen mit den Franzosen ging Guisan bis an die Grenzen des für einen neutralen Staat Möglichen, um sich deren Unterstützung für den Fall eines deutschen Angriffs zu versichern.“ (Link zum Historischen Lexikon der Schweiz.)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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