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Die Erfahrung „Appeasement, München 1938“ als Richtschnur für den Umgang mit Putin?

Zur Politisierung meiner Generation (ich bin Jahrgang 1952) und wohl auch jüngerer Menschen gehörte der Konsens, dass die „Appeasement“-Politik gegenüber Hitler, kulminierend 1938 im Münchner Abkommen, den Zweiten Weltkrieg nicht verhindert, sondern im Gegenteil in seiner vollen Wucht herbeigeführt habe.

Wäre man Hitler früher militärisch entgegengetreten, hätte er seine Blitzkriege und dann den Russlandfeldzug nicht führen können. Zu diesem Konsens gehörten die Verachtung des britischen und französischen Hauptverantwortlichen für die „Appeasement“.Politik, Chamberlain und Daladier, und die Verehrung Winston Churchills. Kann dieser Konsens Richtschnur für den Umgang mit Putin sein?

Nach Hiroshima und Nagasaki muss damit gerechnet werden, dass künftig jeder Grosskrieg unter Beteiligung oder mit direkter Konfrontation von Atommächten nuklear geführt werden wird. Dies bedeutet nicht, dass sofort Massenvernichtungs-Angriffe auf bevölkerungsreiche Teile des Feindeslands geführt werden. Aber auch sogenannte taktische Nuklearwaffen, nukleare Gefechtsfeldwaffen, können Schaden an der Zivilbevölkerung in neuartiger Schwere herbeiführen. Allein diese Entwicklung lässt eine Orientierung an einer politischen Erfahrung in der vor-nuklearen Welt als höchst problematisch erscheinen. Der „Appeasement“-Konsens wird dadurch leider nicht irrelevant, muss aber durch aktuelle politstrategische Überlegungen und durch politische Alternativstrategien zur Kriegsoption ergänzt werden. (Siehe etwa das Interview mit dem Historiker Nicholas Mulder im Wirtschaftsteil der NZZ vom 28.1.22 über die begrenzte oder kontraproduktive Wirkung von Sanktionen: „Der Westen könnte Zugeständnisse erhalten, indem er Sanktionen gegen Russland aufhebt“ (Link).)

Die NATO wird Russland nicht den Krieg erklären, wenn russische Truppen in die Ukraine einfallen. Die Entscheidung würde aber unumgänglich, wenn russische Truppen anschliessend vor dem Baltikum aufmarschieren würden. Jedenfalls ist notwendig, mehr Klarheit zu schaffen, wie ein Grosskrieg in Europa heute geführt würde.

Mehr dazu:

„Zwingt die ‚Appeasement‘-Erfahrung den Westen, jetzt auf Kriegskurs zu gehen?“ (Link)

„Die Verheerungen zweier Weltkriege beeinflussen Europas Sicherheitspolitik“ (Link)

„Wie kann sich ein Grosskrieg, z.B. um die Ukraine oder um Taiwan, auswirken?“ (Link)

„Wie wirken sich Sanktionen und deren Verschärfung auf Aggressions- und Kriegsgefahr aus?“ (Link)

„Lesetipp bei wachsender Kriegsgefahr: George Orwell, ‚Reise durch Ruinen'“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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