Sie befinden sich hier:

„Blut, Schweiss, Tränen“: Was sagt uns Churchills Rede in der heutigen Lage?

In einer gefährlichen Lage kann eine Führung nur Vertrauen bilden, wenn sie dem Volk und dessen Vertreterinnen und Vertretern glaubwürdig zeigt, dass sie die drohenden Opfer und die Risiken ihrer Politik klar erkennt und nicht verharmlost.

Die grosse Rede, die Winston Churchill am 13. Mai 1940, drei Tage nach seinem Amtsantritt als Premierminister, hielt, war deshalb nicht nur ein Appell zum Widerstand gegen Hitler, sondern auch ein Akt der Vertrauensbildung.

Auch in der heutigen Lage wäre es fatal, das Warnen vor dem, was auf uns zukommen wird und kann, den Gegnern des Widerstands gegen Putins imperiale Aggression zu überlassen. Nur wenn die Völker der europäischen Demokratien  Vertrauen in die Fähigkeit ihrer Regierungen haben, die sicheren und die möglichen Kosten dieses Widerstands zu erkennen, kann man auch den Übertreibungen glaubwürdig und wirksam entgegentreten, mit denen „Putinisti“ den Widerstandswillen beseitigen wollen.

Das gilt für die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen, und es gilt auch für das Atomkriegsrisiko. Man treibt nicht Putins Geschäft, wenn man offen darüber spricht – im Gegenteil. Das Thema lässt sich nicht verdrängen. Gehen die Widerstandswilligen nicht darauf ein, so öffnen sie der putinistischen Propaganda eine gefährliche Flanke. Diese Propaganda kann dann verbreiten: Euch droht die atomare Vernichtung, aber Eure Führungen verweigern Euch die demokratische Auseinandersetzung über diese Gefahr.

Das Atomkriegsrisiko und die wildwütigen atomaren Drohungen eines Teils der russischen Propagandisten sind kein Grund, Putin die Tür nach Westen zu öffnen. Sie sind kein Grund, zuzulassen, dass liberale rechtsstaatliche Demokratien unter die Herrschaft von Putins mörderischer Diktatur geraten. Der Ukraine können leider nach den Rückschlägen der konventionellen russischen Kriegführung taktische Atomschläge drohen, aber dass Putin gegen NATO-Staaten Atomwaffen einsetzen wird, ist weiterhin unwahrscheinlich. Denn nichts spricht dafür, dass die „sichere gegenseitige Zerstörung (Mutual Assured Destruction)“, die die Welt bisher trotz der grossen Zahl bereitstehender Atombomben vor einem Atomkrieg bewahrte, überwunden ist. Auch die russische Führung hängt am Leben. Sie lebt sogar gern gut.

Siehe auch:

„Dem russischen Volk wird die Fähigkeit zum atomaren Erstschlag eingeredet“ (Link)

„Könnte Putin dem Beispiel folgen, das Harry Truman gab?“ (Link)

„Ob ein Europa-Krieg zum Weltkrieg würde, hinge vor allem von China ab“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

„Denn in der EU haben die Mitgliedstaaten das letzte Wort“

Die EU-Kommission vertritt die EU gegenüber der Schweiz, und sie wird die Schweiz-Politik der EU auch weitgehend konzipieren. Aber diese Politik wird nur so durchgeführt, wie ihr die Mitgliedstaaten zustimmen. Deshalb muss sich die schweizerische Europapolitik nicht nur auf „Brüssel“, sondern auch auf die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten ausrichten.

Weiterlesen »

Den Nutzen der Bilateralen für die nichtexportierenden Unternehmen klären

„Die Schattierung zwischen den Dachverbänden der Arbeitgeber dürfte auch Unterschiede in der Einschätzung des EU-Vertrags spiegeln“ erwartet Wirtschaftsredaktor Hansueli Schöchli in der NZZ vom 22.3.25*. „Im Gewerbeverband ist die Skepsis grösser: Für die vielen binnenorientierten Gewerbebetriebe hat der Marktzugang in der EU direkt kaum ersichtlichen Nutzen.“

Weiterlesen »

Wettbewerb der Systeme: China wirbt mit Sieg über die Armut.

Ob der hohen, wenn nicht exklusiven Priorität, die wir unseren demokratischen und freiheitlichen Rechten und dem Rechtsstaat geben, sollten wir nicht verkennen, dass der Anspruch der chinesischen Parteidiktatur, die Armut besiegt zu haben, eine starke Waffe im weltweiten Wettbewerb der Systems ist.

Weiterlesen »