Sie befinden sich hier:

Ob ein Europa-Krieg zum Weltkrieg würde, hinge vor allem von China ab.

Es ist problematisch, den Eintritt des NATO-Bündnisfalls mit dem Beginn des Dritten Weltkriegs gleichzusetzen. Ein Grosskrieg in Europa, zumindest taktisch auch atomar geführt, wäre Katastrophe genug. Aber ob er zum Weltkrieg würde, hinge vor allem vom Verhalten Chinas ab. Auch Mächte wie Iran oder Nordkorea könnten darauf Einfluss nehmen.

Wenn es zum Krieg zwischen Russland und der NATO kommt, steht China vor einer schweren Entscheidung: Hält man sich fern und sieht zu, wie sich die grossen Rivalen schwächen, oder nutzt man die wirkliche oder vermeintliche Gunst der Stunde, der Bindung starker westlicher Kräfte in Europa, für den Angriff auf Taiwan und vielleicht für weitere militärische Vorstösse?

China hat bisher seine Macht anders ausgebaut als Russland: Insbesondere durch eine Stärkung der Wirtschaftskraft und der technologischen Kompetenz, womit Russland nicht Schritt halten konnte, und durch die Schaffung von Abhängigkeiten anderer Staaten. Es ist durchaus möglich, dass China diese Errungenschaften nicht durch einen Kriegseintritt aufs Spiel setzen will. Selbst die bei Partei, Armee und Volk stetig geschürte Erwartung, Taiwan zu erobern, könnte zu einem späteren Zeitpunkt leichter erfüllt werden: Wenn der Westen durch den Europa-Krieg geschwächt, China aber stärker denn je ist.

Auch Iran oder Nordkorea könnten der Versuchung erliegen, aus dem Europa-Krieg Nutzen zu ziehen. Der Verlauf militärischer Abenteuer solcher starker Mittelmächte könnten wiederum die Interessenbeurteilung Chinas beeinflussen.

Wenn man jetzt den drohenden Europa-Krieg mit Weltkrieg gleichsetzt, verkennt man womöglich die Bedeutung Chinas und gewisser Mittelmächte, und damit das Interesse, diese vom Kriegseintritt abzuhalten.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

„Das Ständemehr führt dazu, dass eine Minderheit über die Mehrheit entscheidet“

Eine Stellungnahme, die grosse Beachtung verdient: Paul Rechsteiner wendet sich mit grundsätzlichen und verfassungsgeschichtlichen Argumenten gegen die Unterstellung des Vertragsergebnisses der laufenden Verhandlungen mit der EU unter das obligatorische Referendum, somit gegen die Notwendigkeit, dass ihm eine Mehrheit der Kantone zustimmt (Ständemehr). Rechsteiner war 1998 bis 2018 Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds und vertrat die SP 1986 bis 2011 im Nationalrat. 2011 bis 2022 hatte er eines der Sankt Galler Mandate im Ständerat inne.

Weiterlesen »