Das Interview, das Thomas Fischermann mit Harold James führte, erschien in der „Zeit“ vom 2. Oktober 2019 (nur im Abonnement).
„Es wäre absurd, direkte Vergleiche zwischen der Weimarer Republik und heute zu ziehen“, sagt James zu Beginn: „Aber Parallelen sehe ich schon.“ In der Folge geht er denn auch auf aktuelle Beispiele ein: „Es ist nicht so, dass solche Unternehmen in besonderem Masse radikale Politiker wie Duterte auf den Philippinen und Bolsonaro in Brasilien unterstützen. Aber wenn die einmal an der Macht sind, machen sie mit.“
In der Phase des Aufstiegs, vor der Machtergreifung, kommt es auf die konkrete politische und wirtschaftliche Lage an, ob Verantwortliche in Industrie und Finanz eine autoritäre Bewegung unterstützen. In der Weimarer Republik hätten die wenigsten Grossunternehmer die Nazis enthusiastisch unterstützt. Hitler habe zuerst auf sie zugehen und ihnen garantieren müssen, dass sich in seiner Partei nicht der linke Flügel durchsetze.
Industrie- und Finanzkreise können auf eine solche Bewegung einschwenken, wenn sie von ihr konkrete Vorteile wie Wirtschaftsaufschwung, Steuersenkungen, Niederhaltung der Linken und im Falle Hitlers speziell einen Aufschwung der Rüstungsindustrie erwarten. Nach einer Machtergreifung wird Widerstand nur noch ausnahmsweise geleistet, denn die autoritäre Führung wird nun umfassend zur Auftraggeberin, und sie geht brutal gegen Widerstand vor.
„Wenn man erst in einem solchen System lebt, kann man sich nicht widersetzen, ohne ganz auszusteigen“, stellt James fest. Und auf die Frage, ob es nicht auch Helden gegeben habe, die den Nazis Widerstand geleistet hätten: „Die Helden wurden umgebracht.“
p.s.: Harold James war Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (Bergier-Kommission).