Sie befinden sich hier:

Die Ukraine hat den Krieg nicht verloren, solange…

Die Ukraine hat den Krieg nicht verloren, solange sie Putin daran hindern kann, die Regierung in Kiew zu stürzen und die Macht über den ukrainischen Staat zu übernehmen. Dies war und ist – nebst den territorialen Zielen – Putins Kriegsziel, und der Westen wird sich vielleicht schon bald darauf konzentrieren müssen, dazu beizutragen, dass er dieses nicht erreicht.

Das demokratische und freiheitliche Europa muss sich mit dem Szenario befassen, dass die USA ihre militärische Unterstützung der Ukraine niederfahren und vielleicht, wenn Trump wieder Präsident wird, ganz einstellen. Trump ist zuzumuten, dass er mit Putin eine am Prinzip „America First“ orientierte Verständigung anstrebt, die sicher zu Lasten der Ukraine, vielleicht auch zu Lasten anderer Staaten ginge, die nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig und demokratisch wurden. Dann ist das demokratische und freiheitliche Europa weitgehend auf sich selbst gestellt. Es darf sich durch Veto-Ansprüche Ungarns und der Türkei in EU und NATO nicht am unverzüglichen Aufbau einer Politik und Strategie der gemeinschaftlichen Selbstbehauptung hindern lassen.

Parallel zu dieser Entwicklung in den USA wird in Westeuropa und auch in der Schweiz die Propaganda gegen die Unterstützung der Ukraine immer extremer. Zum Beispiel Roger Köppel, Ressortleiter Europapolitik in der Parteileitung der SVP Schweiz, als Fragesteller in einem „Weltwoche“-Interview mit Jacques Baud (7.12.23): „Ich habe den Eindruck, dass dieser Krieg auch ein Krieg der USA gegen Europa ist. Man hat Europa und Russland auseinandergeschoben und dadurch Europa stark geschwächt und sehr abhängig gemacht. Ist das auch ein Krieg gegen Europa?“ Der Befragte geht zur Behauptung, die USA führten Krieg gegen Europa, mit einer vorsichtigen Formulierung auf Distanz: „Ich weiss es nicht. Mein Eindruck ist, dass Europa ein Kollateralschaden ist. Die Amerikaner haben nur Russland im Visier gehabt und nicht an die Konsequenzen gedacht.“

Für wen die USA Angreifer Europas sind, für den ist Russland Europas Schutzmacht. Wer jetzt im Ukraine-Krieg so urteilt, täte es auch, wenn Putin weitere Länder überfiele, um das Sowjetreich oder gar die Herrschaft über die Länder des früheren Warschauer Pakts wiederherzustellen. Wer der Ukraine und weiteren Staaten zumuten will, sich Putins Machtanspruch zu fügen, muss sich mit den Verhältnissen unter Putins Herrschaft konfrontieren lassen. Köppels Weltwoche zum Beispiel hat seitenweise Platz für den russischen Botschafter in Bern, aber kein Interesse an den Bedingungen für Journalismus in Russland, kein Interesse für Nawalny und all die andern verfolgten und gepeinigten Russinnen und Russen.

Siehe auch:

„America First“ – wie weit könnte Trump Putin vordringen lassen?“ (Link)

„Zur Berechtigung des Widerstands der Ukraine und ihrer Unterstützung durch den Westen“ (Link)

„Wenn das Blatt des SVP-Bereichsleiters Europapolitik den russischen Botschafter interviewt“ (Link)

„Orbans ‚grossungarische‘ Ambition – Sicherheitsrisiko für Westeuropa?“ (Link)

„Wenn Putin Europa beherrschen würde“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Der Wehrwille hängt nicht nur von der Beziehung zum Staat ab

AfD-Politiker wollen den Wehrwillen der Deutschen untergraben mit der Propagandaformel: „Doch nicht für DIESEN Staat“. Aber selbst bei verbreiteter Unzufriedenheit hängt der Wehrwille nicht nur von der Beziehung zum Staat ab, in dem man lebt, sondern auch davon, wie man denjenigen einschätzt, dessen Angriff droht: Weshalb will er unser Land einnehmen, und was brächte er uns? Wie würde es sich auf uns auswirken, wenn er unser Land erobern würde?

Weiterlesen »

Prognosen über Trump – Prognosen über Mitte-Links-Koalitionen

„Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Oft lasen wir, Trump der Präsident werde schon nicht so wild sein wie Trump der Wahlkämpfer. Jetzt erleben wir, dass er seine Drohungen aufs Übelste umsetzt. – Und jetzt wird den Mitte-Links-Koalitionen, die Deutschland und Österreich vor Regierungsmacht Rechtsextremer bewahren müssen, das Scheitern vorhergesagt.

Weiterlesen »