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Der Wehrwille hängt nicht nur von der Beziehung zum Staat ab

AfD-Politiker wollen den Wehrwillen der Deutschen untergraben mit der Propagandaformel: „Doch nicht für DIESEN Staat“. Aber selbst bei verbreiteter Unzufriedenheit hängt der Wehrwille nicht nur von der Beziehung zum Staat ab, in dem man lebt, sondern auch davon, wie man denjenigen einschätzt, dessen Angriff droht: Weshalb will er unser Land einnehmen, und was brächte er uns? Wie würde es sich auf uns auswirken, wenn er unser Land erobern würde?

„PolitReflex“ ging in drei Folgen auf diese Fragen ein. Fassen wir sie zusammen:

Teil 1:

Es ist möglich, dass eine Macht, die sich entschliesst, ein anderes Land anzugreifen, primär durch Nationalstolz, Ideologie oder gar religiösen Fanatismus getrieben ist. Sie kann aber auch nach ökonomischen Werten und militärischem Nutzen des Ziellandes trachten. Was auch immer der zum Angriff motivierende Komplex war – wenn ein Land einmal erobert ist, muss sein Volk gewärtigen:

  • dass ihm der Eroberer sein politisches System aufzwingt, einschliesslich brutaler Repression politischer Widerstandsversuche,
  • dass er das eroberte Volk für ihn Industrie-, Agrar- und Dienstleistungsarbeit erbringen und es in der Folge wohl auch darben lässt,
  • und dass er militärdiensttaugliche Angehörige des unterworfenen Volkes zum Kriegsdienst aufbietet.

Hitler befahl in eroberten Ländern Zwangsrekrutierungen für die deutsche Wehrmacht und die Waffen-SS. Die Zwangsrekrutierten wurden auch an die Ostfront geschickt. Wir sollten uns besonders mit den Zwangsrekrutierungen befassen. Wenn mitunter die Meinung verbreitet wird, wir müssten unsere jungen Menschen davor schützen, wie die Ukrainer an einer Front zu kämpfen, und deshalb müsse man Putin wohl oder übel Richtung Westen vorrücken lassen, müssen wir uns bewusst werden, dass der Jugend besetzter Länder durchaus Fronteinsatz droht – nur nicht in der eigenen Armee oder in einer Nato-Truppe, sondern als Putins Zwangsrekrutierte. (…)

*

Teil 2:

Die „Quislinge“. Der Eroberer kann Landsleute des unterjochten Volkes einsetzen, um dieses als seine Statthalter zu beherrschen. Hitler tat dies. Putin täte es wohl auch. Namen – beispielhaft in Erinnerung zu rufen: Vidkun Quisling (Norwegen), Pierre Laval (Frankreich), Arthur Seyss-Inquart (Österreich). (…)

*

Teil 3:

Ein Eroberer muss im eroberten Land auch nach Kapitulation und Machtübernahme mit bewaffnetem Widerstand rechnen. Er vergilt diesen brutal, auch gegen Zivilbevölkerung.

Beispiele für Widerstand: In Ländern, die von den Nazis besetzt wurden (z. B. Frankreich, Italien, Jugoslawien); in China gegen die japanischen Besetzer; in Afghanistan gegen die Sowjettruppen. Auch die Russen müssten nach einer allfälligen Kapitulation der ukrainischen Armee mit Guerilla-Widerstand rechnen, und aus den Kriegsverbrechen, die sie fortwährend verüben, ist zu schliessen, dass sie auf Guerilla-Aktionen mit  brutaler Vergeltung reagieren würden.

Wegen den Vergeltungsschlägen des Eroberers ist für die Zivilbevölkerung der bewaffnete Widerstand – auch bei grundsätzlicher Sympathie  – eine zwiespältige Erfahrung. Es ist deshalb auch nicht selbstverständlich, dass sich die gesamte Zivilbevölkerung gegenüber den Partisanen solidarisch verhält. (…)

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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