Sie befinden sich hier:

Peter A. Fischer (NZZ): Europapolitik und Blockaden müssen Wahlkriterien werden

Der Chefökonom der NZZ im Leitartikel vom 23.9.23: «Statt auf eine rasche Überwindung der Eiszeit mit der EU zu drängen, haben die Parteien ihre Bundesräte dazu gedrängt, ein Verhandlungsmandat für ein Bilaterale-III-Paket erst nach den Wahlen zu präsentieren.“

„Die Polarisierung hat der Schweiz nicht gut getan“, stellt Fischer im Lead des Leitartikels fest. „Die offensichtlichsten Probleme bleiben ungelöst, stattdessen werden Scheingefechte geführt. Es braucht wieder mehr Politikerinnen und Politiker, die den Konsens suchen.“ (Link zum Leitartikel.)

„Die Schweiz ist zu Recht stolz auf ihre direkte Demokratie“ schreibt der Fischer. „Diese ist wie kaum eine andere auf Konsens angelegt. Die Polarisierung der vergangenen Jahre hat das Land und seine Wirtschaft nicht weitergebracht. Statt Grabenkämpfer braucht es mehr Persönlichkeiten, die dem Volk reinen Wein einschenken, Lösungen für die echten Probleme formulieren und Koalitionen zu deren Umsetzung zimmern. Beim Ausfüllen der Stimmzettel für die Wahl der National- und Ständeräte müsste das zu einem wichtigeren Kriterium werden als inhaltsleere Parteiparolen.“

Nachdem er sich mit den Blockadekräften SVP und durch die Gewerkschaften dominierter SP auseinandergesetzt hat, schreibt Fischer: „Der FDP-Präsident Thierry Burkart wiederum hat viel Vernünftiges zu sagen darüber, dass Wohlstand zuerst erarbeitet werden muss und die Schweiz eine sichere Stromversorgung, moderne Infrastruktur und nachhaltige Altersvorsorge braucht. Doch zum Thema Europa findet Burkart auch nach jahrelanger Diskussion bloss, man solle doch den Bundesrat machen lassen und abwarten, was dabei herauskomme.

(…)

Eine Entkrampfung des Verhältnisses zur EU ist überfällig. Der bilaterale Weg hat der Schweiz eine massgeschneiderte Integration in den EU-Binnenmarkt ermöglicht, die der Wirtschaft Vorteile und dem Land Wohlstand gebracht hat. Der Streit um die Fortsetzung lässt den bilateralen Weg erodieren. Studenten, Forscher, Firmen und nicht zuletzt Konsumenten leiden darunter.“

Als weitere Bereiche, in denen Blockaden zu überwinden seien, führt Fischer Energiepolitik, Altersvorsorge, Gesundheitspolitik (herausgegriffen sei das Stichwort Pflegeversicherung) und Zuwanderung an.

*

Fischer setzt zur Überwindung der Blockaden auf personelle Veränderungen. Die Blockaden sind aber  systembedingt: Bisher ist die Zugehörigkeit einer Partei zum Bundesrat sachpolitisch unverbindlich. Die „Zauberformel“ funktioniert prinzipiell arithmetisch, wenn auch nicht immer sofort (Abneigung gegen Nichtwiederwahl von Bundesrätinnen und Bundesräten), wobei Ausnahmen wie die Nichtwiederwahl Christoph Blochers möglich sind.

Die Parteien geniessen die Freiheit, nach den Wahlen mit keiner anderen koalieren zu müssen: Die Freiheit, trotz Regierungsbeteiligung Opposition zu sein, und als solche ihren Anhang bei Laune zu halten und weiter zu radikalisieren. Ob kooperationswillige Gewählte daran etwas ändern können? Man darf ja hoffen.

Mehr dazu:

„Schweizer Wahlen – ohne Notwendigkeit der Mehrheitsbildung“ (Link)

„Ärger über Polarisierung – folgenschwer sind die Blockaden“ (Link)

„Verdrängt ‚die Wirtschaft‘ die Europapolitik aus den Wahlen?“ (Link)

„Wirtschaftskanton Zürich – durch einen Bilateralen-Blockierer im Ständerat vertreten?“ (Link)

„KdK-Präsident: Für die Kantone sind geregelte Beziehungen zur EU zentral“ (Link)

„Vielen KMU bereiten die Beziehungen Schweiz-EU schwere Sorgen“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Corona-Erfahrungen – Anlass zur Prüfung unserer Bereitschaft für andere Krisen.

Auf die Welt, auf Europa, auf die Schweiz können Krisen zukommen, die ebenso gross, vielleicht folgenschwerer sind als Corona, und länger, vielleicht unabsehbar, dauern: Ein Grosskrieg, entbrannt zum Beispiel um Taiwan oder die Ukraine, oder im Nahen Osten, oder zwischen China und Indien, der zu einem Einbruch der Weltwirtschaft, vielleicht auch zu weiträumiger Verfrachtung von Radioaktivität führt. Eine Beschleunigung der Klimaveränderung, die tief ins Alltagsleben durchschlägt und neue Migrationsströme auslöst. Eine nächste Pandemie durch andere Erreger. Oder für die Schweiz auch „nur“ eine soziale Krise durch Verluste von Marktanteilen in Europa infolge eines Niedergangs der bilateralen Beziehungen zur Europäischen Union.

Weiterlesen »

Schweizerische Sicherheitspolitik unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs.

Bundesrätin Viola Amherd im Interview der „SonntagsZeitung“ vom 6.3.2022: „Längerfristig ist eine Aufstockung des Armeebudgets um zwei Milliarden Franken eine Option für mich. Das ist viel Geld, und es muss sinnvoll eingesetzt werden. Es bringt wenig, den Etat von heute auf morgen so viel zu erhöhen. Besser ist es, dies kontinuierlich zu tun.“ – Eine einleuchtende Haltung. Es ist verständlich, dass bürgerliche Sicherheitspolitiker:innen und militärische Organisationen nun die Gunst der Stunde nutzen für Forderungen nach massiver finanzieller und personeller Stärkung der Armee. Aber dies setzt eine gründliche, illusionslose sicherheitspolitische Diskussion voraus.

Weiterlesen »

Gesetzesvorlagen werden durch den Gesamtbundesrat verantwortet – oder nicht mehr?

Bundesrat Berset habe mit seinem Massnahmenpaket zur Kostensenkung im Gesundheitswesen eine chancenlose Vorlage vorgestellt, befinden NZZ, Tages-Anzeiger und Andere übereinstimmend. Das trifft wohl zu. Aber Gesetzesvorlagen werden durch den Gesamtbundesrat verantwortet. Oder gilt dies nicht mehr? Lässt die Regierung einen Kollegen bewusst ins Abseits rasseln – aus parteipolitischem Kalkül? Berset ist angeschlagen: Durch Abstimmungsniederlagen und nun durch die Schwächen des Bundesamts für Gesundheit, die sich in der Corona-Krise zeigten. Drei Bundesratsparteien sind an seiner weiteren Schwächung interessiert – die nächsten Wahlen kommen bestimmt.

Weiterlesen »