Sie befinden sich hier:

Markus Notter: „Jetzt muss das Volk beim Rahmenvertrag mitreden.“

Auch beim Entscheid, ob die Schweiz das Rahmenabkommen mit der EU abschliesst, ist das direktdemokratische Prinzip zu respektieren, dass in der Schweiz die wichtigsten politischen Entscheidungen durch das Volk gefällt werden. Es geht um eine Weichenstellung. Nun fordert Markus Notter, Präsident des Europa-Instituts an der Universität Zürich und ehemaliger soziademokratischer Regierungsrat im Kanton Zürich: „Jetzt muss das Volk beim Rahmenvertrag mitreden.“ Hierfür setzt sich auch PolitReflex ein*.

Auszug aus einem Gastbeitrag Markus Notters im  Tages-Anzeiger vom 15. Mai 2021 (S. 13, Link):

„Im Verhältnis zur EU funktioniert die Geheimdiplomatie nicht mehr. (…)

Der Schaden eines Verhandlungsabbruchs wäre enorm: Der bilaterale Weg erodiert, die Beziehungen zu unserem weitaus wichtigsten Partner werden vergiftet und auf lange Sicht beschädigt.

Wie konnte es so weit kommen? Offenbar gibt es im Bundesrat erhebliche, vielleicht sogar fundamentale Differenzen. Im Bereich der Innenpolitik kommt das auch vor. Damit kann man aber umgehen. Parlament und Bundesrat sind unter sich. Die Vorlagen des Bundesrats können im Parlament beliebig verändert werden. Die bundesrätlichen Botschaften – so heissen seine Anträge – haben nichts Definitives. Zum unterschriebenen Rahmenabkommen kann das Parlament und allenfalls das Volk aber nur Ja oder Nein sagen. Da tut man sich offensichtlich schwerer. Der Schweiz liegt es nicht, sich festzulegen.

Der Bundesrat ist weniger eine Regierung, sondern mehr eine Konferenz von Departementsvertreterinnen und -vertretern. Es gibt «eigene» Geschäfte und die Geschäfte der anderen. In dieser Logik ist Aussenpolitik mit ihrer Diplomatie ein Geschäft des Aussendepartements. Europapolitik ist aber ein Geschäft von allen. Die Methoden der klassischen Diplomatie mit geheimen Verhandlungsmandaten, Notenaustausch und protokollarischen Gepflogenheiten funktionieren da nicht mehr. (…)

Wie kommt man aber kurzfristig aus der Sackgasse? Der Bundesrat muss seinen eignen Brief an die EU-Kommission vom Juni 2019 lesen. Dort heisst es: «Gleichzeitig bekräftigt der Bundesrat, dass die Beteiligung der Bevölkerung bei der Festlegung seiner Politik unabdingbar ist. Ohne die Unterstützung und das Engagement der Schweizer Bürgerinnen und Bürger ist die Regierungstätigkeit nicht nachhaltig.»

Richtig! Der Bundesrat muss die Bevölkerung an seiner Europapolitik beteiligen. Er muss einen Weg finden, das Rahmenabkommen im Parlament und im Volk zu diskutieren. Er darf nicht am Volk vorbei entscheiden.“

*

Hierzu auch:

*  „Das Rahmenabkommen und die Stärke der direkten Demokratie“ (Link)

*  „Die Schweiz ist stolz auf die direkte Demokratie – aber über die Europa-Weichenstellung soll die Regierung entscheiden“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Ein Dammbruch: NZZ bringt Inserat der AfD

Das Mindeste, was dazu zu sagen ist: Offenbar hält man bei der AfD ein Inserat in der NZZ für lohnend, weil man davon ausgeht, der redaktionelle Kurs, insbesondere der Berliner Redaktion, habe ihr so viele potenzielle AfD-Wählerinnen und -Wähler zugeführt, dass es sich bezahlt mache, Werbemittel in dieser Zeitung einzusetzen.

Weiterlesen »

Beleidigen, einschüchtern, imponieren – weshalb, und mit welchen Aussichten?

Feiglinge seien sie! Eine Schande für Grossbritannien! So beschimpfte Generalanwalt Cox, Mitglied der britischen Regierung, die Abgeordneten, als das Unterhaus am Mittwoch, 25. September 2019, aufgrund eines einstimmig gefällten höchstrichterlichen Urteils wieder zusammentrat. Und dies mit der Stimme eines Kommandanten auf dem Schlachtfeld, der Widerspruch weder kennt noch gar duldet: Einer Stimme der Gewalt.

Weiterlesen »