Es darf nicht sein, dass die Welt aus dieser Konstellation in einen Grosskrieg schlittert, der zu einem Nuklear- und Weltkrieg eskalieren kann. Man muss sich bewusst sein, dass ein Kriegsausbruch nicht immer willentlich herbeigeführt wird, wie der deutsch-französische Krieg 1870 durch den deutschen Kanzler Otto von Bismarck, der dadurch nicht nur Frankreich besiegen, sondern auch ein preussisch geführtes Deutschland schaffen wollte. Der Historiker Christopher Clark bezeichnete den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Werk politischer Schlafwandler.
Der Rückzug der USA aus Afghanistan ist Ausdruck des Überdrusses globaler militärischer Präsenz und Intervention. Das ist nach allen Erfahrungen, die die USA im 20. und 21. Jahrhundert machten, an sich verständlich – und für traditonelle, einseitig auf die USA fokussierte Anti-Imperialisten sogar erwünscht. Die Folge kann aber sein, dass Russland, China und Mittelmächte wie die Türkei und Iran zielstrebiger und risikobereiter die Ausdehnung oder Wiederherstellung ihrer Einflusszonen betreiben.
Das kann zu Lasten des Selbstbestimmungsrechts der Völker gehen. Es ist durchaus unsicher, ob die Hauptzielländer solcher Expansionspolitiken ihre Unabhängigkeit behaupten können. Weder die baltischen Staaten noch Taiwan, und schon gar nicht die Ukraine, die – anders als die baltischen Staaten – nicht unter dem „Bündnisfall“-Schutz der NATO steht, sollten sich darauf verlassen, dass die USA und Westeuropa, im Fall Taiwans auch Japan und andere asiatische Staaten, für sie das Risko einer unkalkulierbaren militärischen Eskalation auf sich nehmen. Sie müssen deshalb nach Verständigung mit ihren übermächtigen Nachbarn streben – und hierbei durch eine unabhängige europäische Konflikt- und Friedenspolitik unterstützt werden.