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Lesetipp bei wachsender Kriegsgefahr: George Orwell, „Reise durch Ruinen“.

„Reportagen aus Deutschland und Österreich“: 1945 berichtete der britische Schriftsteller George Orwell als Journalist, während der Krieg noch im Gang war. – Ein nächster Grosskrieg wäre nicht wie der letzte. Wahrscheinlich wäre er noch vernichtender, vor allem wenn Atomwaffen eingesetzt würden, auch wenn es „nur“ atomare Gefechtsfeldwaffen wären. Trotzdem sollten wir uns angesichts wachsender Grosskriegsrisiken vor Augen zu führen, was die Zivilbevölkerung durch den Zweiten Weltkrieg erlitt – im Bewusstsein, dass sie durch einen nächsten Grosskrieg noch härter getroffen werden könnte.

Reportagen wie diejenigen Orwells, die soeben in der textura-Reihe von  C.H. Beck neu erschienen (Link), konnten und mussten am Ende des Zweiten Weltkriegs über Russland, Polen, Frankreich, Japan und viele andere Länder geschrieben werden, ausser über die Schweiz – denken wir gelegentlich über deren Verschonung nach, und darüber, ob sie auch eine dauerhafte Verpflichtung ist. Dass hier Deutschland und Österreich herausgegriffen werden, richtet den Blick darauf, was auch den Völkern aggressiver Regierungen droht.

Orwell war ein engagierter Demokrat und Sozialist. Er hatte im spanischen Bürgerkrieg am Kampf gegen die Faschisten teilgenommen. Wissend, dass Hitler den Krieg gegen die Zivilbevölkerung durch die Bombardierung britischer Städte wie Coventry und London begonnen hatte, war Orwell entsetzt über den Zustand, in dem er 1945 die deutschen Städte antraf, und wollte ihn seinen Landsleuten vor Augen führen. Er setzte sich dafür ein, den Fehler von 1918 nicht zu wiederholen: Deutschland nicht übermässig zu strafen, und nicht in einen armen Agrarstaat umzuwandeln, wie dies der „Morgenthau-Plan“ (Link) vorsah. Orwell stellte aber auch mit einem gewissen Verständnis fest, dass man in Ländern, die durch die Nazis besetzt gewesen waren, für eine härtere Bestrafung Deutschlands eintrat.

Auszug aus der Reportage „Ordnung schaffen im Chaos von Köln“:

„Das Zentrum, das einmal berühmt für seine romanischen Kirchen und seine Museen war, ist nur noch ein Chaos von gezackten Ruinen, umgestürzten Strassenbahnen, zerbrochenen Standbildern und riesigen Trümmerbergen, aus denen wie Rhabarberstangen rostige Stahlträger herausragen.

Als die Amerikaner kamen, waren viele Strassen ganz unpassierbar, bis die Bulldozer sie räumten. Es gibt keine Wasserleitungen mehr, kein Gas, keine Verkehrsmittel und Strom nur für essenzielle Einrichtungen wie die elektrischen Öfen der Bäckereien. Andererseits scheinen die Deutschen noch einigermassen hinreichende Lebensmittelvorräte zu haben, und die Militärregierung – in dieser Gegend ist sie Sache der Amerikaner – hat die Reorganisation mit lobenswerter Tatkraft in Angriff genommen.“

Auszug aus der Reportage „Zukunft eines zerstörten Deutschland: Ein agrarisches Elendsgebiet hilft Europa nicht weiter“:

„Der Vormarsch in Deutschland geht weiter, immer weitere Verwüstungen durch die alliierten Bombenflugzeuge werden offenkundig, und fast jeder Beobachter fühlt sich zu drei Kommentaren veranlasst.

Der erste ist: ‚Die Leute zu Hause haben keine Ahnung, wie das hier aussieht.‘  Der zweite ist: ‚Ein Wunder, dass die immer noch weitergekämpft haben.‘ Und der dritte ist: ‚Stell dir vor, was für eine Arbeit es sein wird, das wieder aufzubauen!'“

*

Es geht nicht darum, aggressive Mächte zum Zuschlagen einzuladen durch eine radikal pazifistische Verzichterklärung auf jeden militärischen Widerstand. Sondern es geht um eine Aufwertung des Strebens nach Interessenausgleich in den Aussenbeziehungen. Immerhin gelang es im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts, sowohl einen Atomkrieg als auch die Unterwerfung Westeuropas unter sowjetische Herrschaft zu vermeiden. Bei aller Empörung über die brutalen Grossdiktaturen muss eine Koexistenz, die einen neuen Grosskrieg vermeidet, angestrebt werden.

Damit hierauf demokratisch Einfluss genommen werden kann, müssen Informationsstand und Bewusstsein um die möglichen Auswirkungen eines weiteren Grosskriegs gefördert werden.

Siehe auch:

  • „Die Verheerungen zweier Weltkriege beeinflussen Europas Sicherheitspolitik.“ (Link)
  • „Wachsende Kriegsgefahr. Wie ein Krieg nuklear werden kann.“ (Link)
Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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