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Ausländische Pflegekräfte als Wahlkampfthema

NZZ-Interviewer: „Die Arbeit in den Spitälern und Pflegeheimen verrichten in erster Linie Ausländerinnen und Ausländer“. SVP-Ständeratskandidat Gregor Rutz: „Und wen pflegen sie da? Andere Ausländer. Wenn jede Fachkraft drei, vier Leute mitbringt, sind wir wieder gleich weit wie zuvor.“

„Ist diese Zahl belegt?“, fragt der Interviewer. „Längst nicht jede Fachkraft kommt mit Familie.“

Rutz: „Wieso brauchen wir in der Stadt Zürich immer mehr Schulhäuser, mehr Spitäler und somit wieder mehr Chefärzte und Pflegefachleute? Das ist Wachstum in die Breite und ergibt keinen Sinn. Das qualitative Wachstum ist weit geringer als in anderen Ländern.“

*

Die Äusserungen des SVP-Kandidaten laufen daraus hinaus, dass wir für die heilungs- und pflegebedürftigen Schweizerinnen und Schweizer keine ausländischen Medizinal- und Pflegekräfte bräuchten, oder jedenfalls viel weniger. Der Interviewer fragt höflich, ob die Zahl, die Rutz betreffend die Angehörigen der ausländischen Pflegefachkräfte nennt, belegt sei – und bekommt keine Antwort, sondern Rutz startet zur Behauptung durch, die Zuwanderung sei DER Grund für den steigenden medizinischen und pflegerischen Personalbedarf. Der Interviewer nimmt das hin.

Einmal mehr wird das Erfolgsrezept angewandt: Behaupte etwas, das nicht sofort genau überprüfbar ist, und gib einen Teil der Wirklichkeit als ganze, alleinige Wahrheit aus. Die Behauptung darf nur nicht ganz unplausibel sein, nicht zu vielen Leserinnen und Lesern offensichtlich absurd vorkommen.

Allerdings hat SVP-Polemik ein Akzeptanzproblem auf Gebieten, in die viele Mitbürgerinnen und Mitbürger Einblick haben. Daran scheiterte sie 2008 mit ihren Behauptungen über die Einbürgerungspraxis von Gemeindeversammlungen und Gemeindebehörden: Ihre Einbürgerungsinitiative wurde deutlich abgelehnt. Auch das Gesundheits- und Heimwesen gehört zu den Gebieten, von denen Viele zumindest eine Ahnung haben – und sei es nur als Angehörige von Menschen, die in Spitälern und Institutionen gepflegt und betreut werden.

Der hohe und wohl weiter steigende Anteil an ausländischen Medizinal- und Pflegepersonen IST ein Problem – nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Länder, aus denen sie rekrutiert werden. Und die Schweiz ist nicht allein in diese Abwerberolle. Kürzlich flog der deutsche Arbeitsminister sogar nach Indien, um Fachkräfte zu rekrutieren. Er stellte dort fest, dass Viele gern nach Deutschland kämen, aber dass iihnen die Notwendigkeit, die schwere deutsche Sprache zu lernen, Sorgen mache.

Und damit stehen wir vor der Frage, wie wir zu mehr schweizerischem Pflegepersonal kommen, und wie wir bewirken, dass weniger Pflegefachleute den Beruf verlassen wegen zu starker Beanspruchung, Enttäuschung, Unmöglichkeit, ihren eigenen Vorstellungen einwandfreier Berufsarbeit zu entsprechen. Es ist dies auch die Frage nach der Umsetzung der Pflegeinitiative, die Volk und Stände annahmen. Was hat die SVP, was hat ihr Ständeratskandidat Gregor Rutz hierzu vorzuschlagen? „Für den Wahlkampfchef der SVP trägt nur die Arbeit, die in der Privatwirtschaft geleistet wird, zur Wirtschaftsleistung bei“ (Link).

Interessant wäre zu diesem Thema die Meinung der freisinnigen Konkurrentin des SVP-Kandidaten: Regine Sauter ist unter Anderem Gesundheitspolitikerin und Präsidentin von H+, des nationalen Verbands der öffentlichen und privaten Schweizer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen. 2017 bis 2022 war sie Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik.

Link zum NZZ-Interview.

Mehr dazu:

„Der Pflegenotstand sollte ein zentrales Wahlkampfthema werden“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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