Sie befinden sich hier:

Wird sich die Corona-Erfahrung auf die Diskussion über eine Erhöhung des Rentenalters auswirken?

Viele sehr aktive, leistungsfähige Menschen über 65 Jahren wurden zu Beginn der Corona-Krise überrumpelt durch die Einstufung als Risikogruppe: Sie wurden angewiesen, zuhause zu bleiben, als wären sie bereits im vierten Lebensalter. Einige begannen sich vielleicht erstmals mit der Schwächung des Immunsystems zu befassen. Sie beginnt nicht erst mit 65. Was bedeutet dies für die Beurteilung einer allfälligen Erhöhung des Rentenalters?

Leserinnen und Leser dieses PolitReflex können sich leicht selber informieren durch eine Internet-Recherche, zum Beispiel mit den Suchbegriffen Immunsystem und Alter. Vorweg klar ist, dass es nicht nur um COVID-19, sondern um alle infektiösen Krankheiten und um Krebs geht.

Ich anerkenne die demografische und finanzierungsplanerische Berechtigung und Notwendigkeit einer Erhöhung des Rentenalters. Aber bevor man eine an sich plausible Massnahme trifft, muss man sich über die Erfolgsaussichten und mutmasslichen Nebenwirkungen klar zu werden versuchen. Bei der Frage der Erhöhung des Rentenalters geht es einerseits darum, ob und in welchem Masse bei Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden eine längere Erwerbstätigkeit durchgesetzt werden kann. Frühpensionierung ist sehr beliebt, wenn man sie sich leisten kann, und ob der Fachkräftemangel die Beschäftigung von Seniorinnen und Senioren fördert, wird sich zeigen müssen.

Anderseits ist nun wohl auch zu prüfen, welche Auswirkungen auf die Gesundheit von Arbeitskräften über 65 – und damit auf die Kostenentwicklung des Gesundheitswesens eintreten könnten.

Es geht mir nicht darum, eine Erhöhung des Rentenalters zu bekämpfen. Aber sie sollte wohl durch flankierende Massnahmen ergänzt werden, zum Beispiel durch Förderung regelmässiger Untersuchungen und Grippeimpfungen für Arbeitnehmende ab einem noch zu ermittelnden Alter. Von ärztlicher Seite hört man, dass die Grenze bei COVID-19 eigentlich bei 60 Jahren, nicht erst bei 65, hätte angesetzt werden müssen. Und vielleicht würde eine Flexibilisierung, verbunden mit Anreizen zu längerer Erwerbstätigkeit, bessere Ergebnisse versprechen als eine generelle Erhöhung.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Corona: Vorschläge, zu denen wir auch noch stehen können, wenn die Fallzahlen wieder steigen.

Wer Lockerungen der Corona-Massnahmen fordert, sollte auch dann noch dazu stehen können, wenn die Fallzahlen ab Mitte März wieder steigen. Auch wenn sie stark steigen – was nicht sicher ist, aber gut möglich. Das kann aber anderseits nicht heissen, dass wir die Lockdown-Schäden verkennen, weil sie erst allmählich eintreten, im Gegensatz zu den täglich neuen Corona-Erkrankungen.

Weiterlesen »

Ausgangssperre – wie ginge das?

Wenn „wir“ heute Sonntag oder an Ostern versagen – werden „wir“ dann eingesperrt? Einige scheinen damit zu rechnen. Bundesrat Alain Berset erweckt in einem Interview erfreulicherweise einmal mehr den Eindruck, dass er lieber keine Ausgangssperre, sondern auch vor und nach Ostern weiterhin auf Empfehlungen und Selbstverantwortung setzen möchte. Aber denken wir trotzdem schon einmal über den Vollzug einer Ausgangssperre nach.

Weiterlesen »