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Vernazza fordert Corona-Strategiedebatte. Wissenschaft und Journalismus neuartig gefordert.

Ein Interview mit Professor Pietro Vernazza, Infektiologe und Chefarzt am Spital St. Gallen, in der „SonntagsZeitung“ verändert die Corona-Lage in der Schweiz in Politik und Bevölkerung. Jetzt sind Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus neuartig gefordert: Er müssen verständliche öffentliche Debatten unter Wissenschaftern stattfinden.

„Das Coronavirus scheint weniger gefährlich als gemeinhin vermutet. Pietro Vernazza, Infektiologe, Professor und Chefarzt am Spital St. Gallen, fordert, dass der Bund seine Pandemie-Strategie grundsätzlich überdenkt – und macht einen brisanten Vorschlag.“ („SonntagsZeitung“ 19.7.20, S. 11. Link zum Interview hinter Paywall).

Auszug:

„(…) Die Schweden haben nichts falsch gemacht. Ihr Modell wird vor allem von Leuten kritisiert, die ihr eigenes Modell verteidigen müssen. In Schweden gab es ja auch Einschränkungen, und mittlerweile gehen die Todesfallzahlen fast linear zurück. Der Effekt ist deutlich. Stand jetzt können wir nicht sagen, ob die Schweiz oder Schweden es richtig gemacht hat. Das können wir erst beurteilen, wenn die Bevölkerung immun gegen Covid-19 ist, mit oder ohne Impfung. (…)

Ich bin zufrieden, was die Schweiz bisher erreicht hat. Den weiteren Weg müssen wir aber gut überdenken. Heute geben wir jeden Monat rund 40 Millionen Franken allein für Tests aus. Quarantänemassnahmen werden uns monatlich bald über 10 Millionen kosten. Wenn wir in ein bis zwei Jahren keinen Impfstoff haben, haben wir Milliarden ausgegeben und das Problem trotzdem nicht gelöst. Wir müssen uns fragen, ob wir dieses Risiko eingehen wollen. (…)“

Dieses Interview muss aus zwei Gründen ernst genommen werden: Erstens wegen Vernazzas Kompetenz und zweitens wegen seiner besonnen und gegenüber der Behörden und Task Force respektvoll vertretenen Haltung. Er ruft nicht zur Nichtbeachtung der Vorsichtsmassnahmen auf, aber es ist damit zu rechnen, dass er die ohnehin rückläufig Bereitschaft der Bevölkerung, sie einzuhalten, weiter reduziert.

Damit tritt die Corona-Politik in der Schweiz in eine neue Phase, die hohe Ansprüche stellt. Wissenschaftsjournalismus muss jetzt Debatten unter Wissenschaftern und Wissenschafterinnen moderieren, und für diese wird es erfolgsentscheidend sein, nicht nur zu behaupten, sondern verständlich zu argumentieren und zu diskutieren.

Siehe auch: „COVID-Taskforce: Pietro Vernazza wurde wieder ausgeladen.“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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