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Wie gefährlich ist Russland militärisch? Kann seine Armee im Ukraine-Krieg zermürbt werden?

Zeigt der Verlauf des Ukraine-Kriegs, dass die Gefährlichkeit der russischen Armee überschätzt wurde? Finnland und Schweden verlassen sich nicht darauf. Sie wollen der NATO beitreten – so es Erdogan denn zulässt. Und die USA verfolgen das Ziel, die russische Armee im Ukraine-Krieg entscheidend zu schwächen.

Der deutsche Politologe Herfried Münkler stellt in einem höchst lesens- und bedenkenswerten Interview, geführt von NZZ-Redaktor Andreas Ernst, die unterschiedlichen Ziele gegenüber, die die USA und die Europäische Union mit der militärischen Unterstützung der Ukraine verfolgen. Auszug aus den Antworten Münklers:

„Nun, die Vorstellungen über einen Friedensschluss liegen im Westen weit auseinander. Die absolute Minimalbedingung ist sicher die Weiterexistenz der Ukraine als souveräner Staat, aber eventuell reduziert auf das Gebiet westlich des Dnipro. In Deutschland und Frankreich betrachtet man eine Ukraine in den Grenzen des 23. Februars (also ohne Krim und Separatistengebiete) als Sieg. Die Briten möchten die Ukraine von 2013, also mit Krim und Donbass, wiederherstellen. Die Amerikaner schliesslich haben eine eigene Sicht. Sie sagen: Putin ist uns wieder in die Quere gekommen, wo wir uns doch jetzt um Xi Jinping und die Herausforderung durch China kümmern wollten und nicht um Europa. Das soll nie mehr passieren. Wir organisieren also einen Abnützungskrieg gegen die Russen, der ihr militärisches Potenzial aufzehrt. Die Europäer signalisieren jetzt den Russen, dass sie mit einem Verhandlungsfrieden vermeiden können, von den Amerikanern mithilfe der Ukrainer ausgeblutet zu werden. Der Westen spielt also mit unterschiedlichen Optionen.“

*

Gehen die USA davon aus, dass der Abnützungskrieg auf die Ukraine begrenzt werden kann? Wenn eine Kriegspartei an einer Front nicht vorankommt, liegt strategisch nahe, eine zweite Front zu eröffnen. Halten die USA die russische Armee  hierzu nicht mehr für fähig? Oder sind sie überzeugt, dass eine Abnützungsstrategie auch an zwei Fronten erfolgsversprechend weitergeführt werden könnte? Und wie ist bei der Beurteilung der US-amerikanischen Zielsetzung zu gewichten, dass die russische Armee bisher keine taktischen Atomwaffen und, soweit bekannt ist, auch noch keine chemischen oder biologischen Waffen eingesetzt hat? In der Fachwelt ist man sich uneinig über die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes atomarer Gefechtsfeldwaffen, und auch über die Auswirkungen, die ein solcher über das Gefechtsfeld hinaus hätte. Wie würde die Zermürbungsstrategie reagieren, wenn diejenigen recht bekämen, die einen Einsatz taktischer Atomwaffen durch Russland für möglich halten?

Münkler unterstützt die europäische Zielsetzung. Das bedeutet auch, dass er die hierzu erforderliche Unterstützung durch Waffenlieferungen bejaht. Ein weiterer Auszug aus dem Interview:

Frage:

„Aber die Ukraine muss sich ja nicht für einen Abnützungskampf instrumentalisieren lassen. Sie könnte sagen: Uns reicht der Abzug der Russen aus den seit dem 24. Februar eroberten Gebieten. Dann hören wir auf zu kämpfen.“

Antwort

„Richtig, aber ein solcher Rückzug der Russen muss militärisch zunächst erzwungen werden. Das hat sehr reichhaltige europäische Waffenlieferungen und eine Reduzierung der ukrainischen Abhängigkeit von den USA und ihren Waffen zur Voraussetzung.“

Münkler gibt zu bedenken, dass der Krieg so beendet werden sollte, dass bei keiner der beiden Kriegsparteien Revisionismus aufkommt, der zu einem Wiederaufflackern des Krieges führen kann. Typisches Beispiel eines „Friedens“, der zu Revisionismus führte, war der Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg. Das Interview zeigt aber auch, dass es schwierig, wenn nicht unmöglich sein wird, den Krieg so zu beenden, dass kein Revisionismus aufkommt.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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