Leo Tolstois Erzählung „Herr und Knecht“ ist keine moralische Parabel im einfachen Sinn, sondern eine Studie über Macht in der Krise. Der Herr ist nicht böse, der Knecht nicht heroisch. Entscheidend ist etwas anderes: Im Extremfall verliert Macht ohne Ordnung ihre Richtung, während jene, die an der Realität bleiben, tragfähig werden. Dieses Motiv ist von erstaunlicher Aktualität.
Europa befindet sich heute in einer vergleichbaren Lage. Militärisch ist der Kontinent gegenwärtig nicht ausreichend abschreckungsfähig. Diese Feststellung ist nüchtern, nicht polemisch. In den kommenden fünf bis zehn Jahren besteht ein reales Zeitfenster, in dem ein weiterer konventioneller Angriff auf den östlichen Teil Mitteleuropas militärisch möglich wäre – unabhängig davon, welche strategischen oder politischen Kosten ein solcher Schritt hätte. Abschreckung, die auf Vernunft oder Selbstbegrenzung des Gegners setzt, ist keine Abschreckung. Abschreckung entsteht nicht durch Erklärungen, sondern durch einsatzfähige Streitkräfte, klare Führungsstrukturen und überzeugtes Handeln.
Diese militärische Schwäche darf jedoch nicht mit struktureller Ohnmacht verwechselt werden. Europa ist Russland in nahezu allen langfristig relevanten Dimensionen überlegen: wirtschaftlich, technologisch, demografisch, institutionell. Rund 500 Millionen Menschen, industrielle Tiefe, vernetzte Märkte und rechtlich gebundene Institutionen bilden ein Machtpotenzial, das nicht auf schnelle Durchsetzung, sondern auf Dauer angelegt ist. Europas Problem ist nicht Ressourcenmangel, sondern deren sicherheitspolitische Organisation.
Hier zeigt sich die eigentliche Bewährungsprobe der Europäischen Union. Ihre Führungs- und Entscheidungsfähigkeit ist oft zögerlich, fragmentiert, mühsam. Doch diese Reibung ist kein Zeichen von Zerfall, sondern der Preis eines Ordnungsverbundes. Die EU ist kein Durchsetzungsapparat, sondern ein System, das Konflikte integriert, Verantwortung verteilt und Macht bindet. Gelingt es ihr, diesen inneren Kampf um Führung, Verteidigung und Zuständigkeit zu bestehen, entsteht daraus Resilienz – nicht trotz, sondern wegen der Auseinandersetzung.
Gleichzeitig gilt: Ordnung ohne Schutz ist keine Ordnung. Eine regelbasierte Ordnungsmacht muss verteidigungsfähig sein, um glaubwürdig zu bleiben. Europa hat daher in diesem Übergangszeitraum keine Alternative dazu, seine konventionelle Abschreckungsfähigkeit substanziell zu erhöhen – industriell, organisatorisch und militärisch. Nicht um Macht anzuwenden, sondern um Machtanwendung unnötig zu machen.
In diesem Zusammenhang ist auch die Rolle der Vereinigten Staaten grundsätzlich zu betrachten. Die USA bleiben die führende militärische Macht der demokratischen Welt. Europas strategische Reife entscheidet sich jedoch daran, ob es innerhalb dieses Bündnisses eigenständig handlungsfähig wird. Emanzipation bedeutet hier nicht Abkehr, sondern Partnerschaft auf Augenhöhe. Abhängigkeit schwächt Ordnung, Eigenständigkeit stabilisiert sie.
Für die Schweiz ergibt sich daraus eine besondere Verantwortung. Ihre bewaffnete Neutralität ist kein Rückzug aus der europäischen Ordnung, sondern Ordnungskapital. Sie beruht nicht auf Enthaltung, sondern auf Verlässlichkeit und Verteidigungsfähigkeit. Neutralität ohne militärische Substanz verliert ihren ordnungspolitischen Wert – gerade in einer Phase, in der Europas Sicherheitsarchitektur im Übergang ist.
Wie bei Tolstoi entscheidet am Ende nicht, wer befiehlt, sondern wer Ordnung anerkennt. Die Parabel lässt offen, ob Macht sich wandelt – sie zeigt jedoch, dass nur jene Macht Bestand hat, die sich der Ordnung unterstellt. Europas Zukunft wird sich nicht daran entscheiden, wie laut es auftritt, sondern daran, ob es rechtzeitig die Voraussetzungen schafft, seine Ordnung zu schützen.System, das Konflikte integriert, Verantwortung verteilt und Macht bindet. Gelingt es ihr, diesen inneren Kampf um Führung, Verteidigung und Zuständigkeit zu bestehen, entsteht daraus Resilienz – nicht trotz, sondern wegen der Auseinandersetzung.
* Ruedi Jeker war 1999 bis 2007 Regierungsrat des Kantons Zürich, als Vertreter der FDP gewählt. Bis 2003 hatte er das Amt des Volkswirtschaftsdirektor, danach dasjenige des Sicherheitsdirektors inne. Von 2004 bis 2005 war Jeker Regierungspräsident. Aufgewachsen im Kanton Solothurn schloss Jeker an der ETH Zürich ein Studium als Kulturingenieur ab, das er mit einer Doktorarbeit über die regionale Wirtschaftsförderung ergänzte. Im Militär liess sich Jeker zum Kampfjet- und Helikopterpiloten ausbilden. Die militärische Laufbahn schloss er als Oberst und Kommandant eines Fliegerregiments in der Schweizer Luftwaffe ab.