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„Warnphase einlegen“ – ist diese Empfehlung noch haltbar?

Am 15. Mai hiess es im PolitReflex: „Nicht nur Corona, sondern auch die Auswirkungen von Freiheitsbeschränkungen, erst recht eines umfassenden Lockdowns, sind ernst zu nehmen. Deshalb sollte eine Warnphase geplant werden, bevor wieder starke Einschränkungen verordnet werden.“ Ist das noch haltbar, angesichts einer grossen Bevölkerungsmehrheit, die das Maskentragen auch in engen Verhältnissen verweigert?

Unbedingt! Als empfohlen wurde, eine Warnphase einzuschalten, wenn sich eine zweite Welle abzeichne, dachten wir vor allem an die ökonomischen und sozialen Nachteile neuerlicher starker Einschränkungen oder gar eines zweiten Lock-Downs. Das ist weiterhin relevant, aber jetzt kommt  dazu: Wenn 94 Prozent der Menschen in den Bahnhöfen die Maske verweigern, ist es absolut unrealistisch, sie zum Maskentragen zwingen zu wollen.

„Eine Analyse von Personenströmen an den Bahnhöfen Bern, Lausanne und Zürich liefert nun erstmals aussagekräftige Daten. Das Resultat: Von 10’000 Personen, die am Mittwoch und Donnerstag letzter Woche von einem Zählsystem erfasst worden waren, trugen 94 Prozent keine Maske. (…) die Reproduktionszahl kletterte gemäss der letzten möglichen ETH-Schätzung vom 6. Juni wieder über den kritischen Wert von 1 auf 1,14. Das gab es seit dem 22. März nicht mehr. Liegt der Wert unter 1, nehmen die Fallzahlen ab. Liegt er darüber, breitet sich die Krankheit weiter aus.“ (Tages-Anzeiger 18.6.2020, Seite 1).

Unsere liberal-demokratische Gesellschaft würde polizeistaatliche Versuche, das Maskentragen zu erzwingen, sofort abschütteln, teils mit politischem Widerstand, teils leider auch mit Gegengewalt. Wer auch nur ein wenig von der Herstellung innerer Sicherheit versteht, wird der Polizei einen Auftrag, gegen eine grosse Mehrheit der Bevölkerung physischen Zwang anzuwenden, sicher nicht geben wollen, und unsere Polizei würde ihn weder ausführen können noch wollen.

Jetzt zeigt sich, dass der Verlauf der ersten Monate mit Corona weitherum zu positiv beurteilt wurde. Grosse Teile der Bevölkerung sind misstrauisch und widerständig gegenüber den behördlichen Empfehlungen. Das Bundesamt für Gesundheit – und in seiner Gefolgschaft der Bundesrat – tragen Verantwortung dafür, weil sie verbreiteten, die Masken nützten nichts.

Dazu kommen andere Erfahrungen, die viele Menschen in den Widerstand trieben: Unlogisches, inkonsequentes Vorgehen bei der Öffnung, die Isolation pflegebedürftiger Verwandter und Nahestehender in vielen Heimen.

Jetzt ist ein steiler Weg angesagt: Der Weg einer neuartigen, intensiven Überzeugungsarbeit. Und es müssen sich neue Gesichter an die Bevölkerung wenden, deren Glaubwürdigkeit unverbraucht ist.

Siehe auch: „Zur Vorbereitung auf eine zweite Welle: Bundesrat Berset ist gefordert“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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