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Trumps Kriegsschuld-Vorwurf an Selenskyi – was bedeutet er für andere bedrohte Staaten?

Sein erneut erhobener Vorwurf an Selenskyi lässt darauf schliessen, dass Trump meint, die Regierung eines Volkes, das durch die Armee eines grösseren Staates angegriffen werde, dürfe keinen Widerstand leisten, weil sie den Krieg auf jeden Fall verliere. Als ob die USA die Kriege in Vietnam und Afghanistan gewonnen hätten.

Aus dem BBC-Bericht vom 15.4.2025 (Link):

„Donald Trump has blamed Volodymyr Zelensky for starting the war with Russia – a day after a massive Russian attack killed 35 people and injured 117 others in Ukraine.

The US president said the Ukrainian leader shared the blame with Russian President Vladimir Putin for „millions of people dead“ in the Ukraine war.

„You don’t start a war against someone 20 times your size and then hope that people give you some missiles,“ he told reporters at the White House, also blaming former US President Joe Biden for the conflict.“

Bereits Ende Februar hatte Trump dem Präsidenten der Ukraine vorgeworfen, einen Dritten Weltkrieg zu riskieren. PolitReflex stellte hierzu die Frage: „Muss sich künftig jedes Land, jedes Volk, das sich Putin widersetzt, vorhalten lassen, einen Dritten Weltkrieg zu riskieren?“ (Link). Trumps neuer Ausfall gegen Selenskyi ist seine Reaktion darauf, dass Selenskyi Trump aufforderte, in die Ukraine zu kommen, um sich anzusehen, was Putin anrichte.

Trumps Botschaft ist extrem – eine Ultimatumsdoktrin: Die Regierung eines Staates, an dessen Grenze Truppen einer mannschafts- und vielleicht auch waffenstärkeren Macht aufmarschieren – und dessen Territorium diese Macht, wie im Fall der Ukraine, bereits teilweise besetzt hat – soll gefälligst kapitulieren. Was bedeutet dies für die Länder, die primär im Visier von Putins Imperialismus sind: Estland, Lettland, Litauen, Polen? Wird Trump in einem  nächsten Schritt den Beistandsartikel 5 der Nato aufkündigen?

Putin lässt keinen vernünftigen Zweifel mehr zu, dass er den Krieg militärisch gewinnen will – der Ausdruck „auf dem Schlachtfeld“ entspricht seiner Kriegführung nicht, angesichts seiner Terror-Angriffe gegen die Zivilbevölkerung. Trump will offensichtlich nicht über ein Ende dieser Kriegführung verhandeln. Er wartet zu, bis Putin sich zum Sieger erklären kann. Dann wird Trump mit ihm über Einflusszonen in Europa verhandeln. Dass er vor der Wahl versprach, unverzüglich Frieden auszuhandeln, ist ihm egal.

Inzwischen müssen sich die baltischen Staaten und Polen darauf einstellen, dass auch Trump sie im Stich liesse; dass er auch von ihnen verlangen würde, sich dem Ultimatum eines übermächtig scheinenden Putin zu fügen. Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und einige weitere europäische Demokratien sind allerdings entschlossen, ihre Armeen militärisch so zu stärken, dass Putin damit rechnen muss, mit einem Westfeldzug auch dann auf ernstzunehmenden militärischen Widerstand zu stossen, wenn Trump dem demokratischen Europa insgesamt den Schutz entzieht.

Trumps Ultimatums- und Kapitulationsdoktrin ist militärhistorisch falsch. Trotz ihrer viel zahlreicheren Bevölkerungen zogen sowohl die Sowjetunion als auch die USA sieglos aus Afghanistan ab. Die USA verloren den Vietnamkrieg. Hitlers Blitzkriegs-Erfolgen folgten Rückschläge bis hin zur bedingungslosen Kapitulation seiner Nachfolger. Ja, es war hierfür nötig, dass die USA in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Aber wenn Putin wirklich ernst macht mit einem Westfeldzug und die Armeen der europäischen Demokratien Widerstand leisten, kann dies in den USA erneut zu einem Kurswechsel, zu militärischer Unterstützung der europäischen Demokratien führen.

Siehe auch:

„Hitlers kampfloser Einmarsch in Tschechien – ein Modell für Putin?“ (Link)

„‚America First‘ – wie weit könnte Trump Putin vordringen lassen?“ (Link)

 

 

 

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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