Sie befinden sich hier:

Nach den beiden Volksentscheiden über die AHV

Die Parteien und Verbände, die die Finanzierung der AHV für ungesichert halten, stehen vor einer schweren Aufgabe, verlorenes Vertrauen neu aufzubauen. Dies ist umso dringender, als eine klare Mehrheit der Stimmberechtigten offenbar keinen Verdrängungseffekt der notwendigen Erhöhung der Rüstungsausgaben zulasten der sozialen Leistungen akzeptiert.

„Mehr Sicherheit, weniger Sozialstaat“ – unter diesem Titel legte der Leiter des internationalen Ressorts der NZZ seinen Leserinnen und Lesern noch am Samstag des Abstimmungswochenendes die Ablehnung der 13. AHV-Rente nahe (Link). „Statt über einen höheren Verteidigungshaushalt stimmen die Schweizer Bürger an diesem Wochenende über eine überflüssige Erhöhung der staatlichen Altersrenten um 4 bis 6 Milliarden Franken pro Jahr ab“, schrieb er. Es brauche einen „öffentlichen Diskurs über die Zusammensetzung der Staatshaushalte. (…) Eine Umleitung von den Sozialhaushalten zurück in die Verteidigungshaushalte wäre plausibel; die schlechtere Alternative wären dauerhaft höhere Steuern.“

Zweifellos haben auch Bürgerinnen und Bürger, die eine Stärkung der Schweizer Armee wollen, der 13. AHV-Rente zugestimmt und die Rentenalter-Initiative der Jungfreisinnigen verworfen. Der Bundesrat, die grosse Mehrheit der Räte und die Parteien, die eine Nachrüstung für nötig halten, müssen mit ihnen ins Gespräch kommen: Wie soll sich unter diesen Vorgaben der Staatshaushalt entwickeln? Wie kann die Nachrüstung mehrheitsfähig finanziert werden?

Es braucht hierfür eine vitalisierte und erweiterte politische Sozialpartnerschaft, die auch Verantwortung dafür übernimmt, dass die starke und erfolgreiche Verteidigung des Sozialwesens und der Landwirtschaft nicht zu verheerenden Ausgabenkürzungen in Bereichen wie Bildung, Forschung, Entwicklungszusammenarbeit und Massnahmen gegen den Klimawandel führt.

Nach verbreiteter Meinung hat eine Abfolge befremdlicher Vorgänge, beginnend mit dem Swissair-Grounding und vorläufig kulminierend in der Übernahme der Credit Suisse durch die UBS, viele Stimmberechtigte zur Ansicht geführt, nun dürften und wollten sie auch einmal für ihre eigenen Interessen stimmen. Sie haben es den wirtschaftsnahen Parteien und den Wirtschaftsverbänden einfach nicht abgenommen, dass die 13. AHV-Rente nicht finanzierbar sei.

Besorgnis erregend sind auch die weit auseinanderklaffenden Erwartungen der Experten und Expertinnen der sozialpolitischen Kontrahenten über das Finanzierbare. Einigkeit kann nicht erwartet werden, aber eine Verständigung auf Minimal- und Maximalwerte möglicher Entwicklungen. Zur Beurteilung der Zukunft der Sozialwerke müssten die Sozialpartner ein gemischtes Expertengremium schaffen. Die Wirtschaftsverbände wären daran mindestens ebenso interessiert wie die Gewerkschaften, denn die Berufung auf wirtschaftsnahe Expertise hat eine Mehrheit der Stimmberechtigten nicht mehr beeindruckt.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Fragen an diejenigen, die eine Stärkung der Armee ablehnen

„Blick“ präsentiert am 10. Februar 2026 Ergebnisse einer Meinungsumfrage. Auszug: „Grundsätzlich hält es eine Mehrheit der Befragten (58 Prozent) nicht für nötig, der Armee mehr Geld zu geben, egal ob über die Mehrwertsteuer oder eine andere Finanzierungsquelle.“* In einer künftigen Meinungsumfrage sollte nach der Beurteilung der Bedrohungslage, der Bedrohungsszenarien und nach der Russlandpolitik gefragt werden.

Weiterlesen »

Und plötzlich gibt Konfrontation OL & GLP gegen FDP der Schweizer Politik neuen Impuls.

Überraschend kommt die Eskalation nicht. Es sind drei Auseinandersetzungen, die Operation Libero und Grünliberale einerseits, die FDP anderseits, gegeneinander aufbrachten: Konzernverantwortungsinitiative, Antiterrormassnahmen-Gesetz (PMT) und Rahmenabkommen. Es tut der schweizerischen Politik gut, wenn die Konfrontation mit und unter den Polparteien Konkurrenz im Wettbewerb um Aufmerksamkeit bekommt. Und die Themen lohnen den Streit.

Weiterlesen »

Vor der Bundesratswahl: Regierungssystem der Schweiz im Wandel

Demnächst könnte die Schweiz einen Bundesrat bekommen, dessen Wahl aus seiner Partei heraus öffentlich heftig bekämpft wurde. „Albert Rösti ist der Falsche“, überschreibt SVP-Nationalrat Roger Köppel das Editorial seiner „Weltwoche“ vom 3. November 2022. Köppel beschimpft ihn als „Anpasser“, „Interessensöldner“, „Jasager“, „Briefträger der Interessen seiner vielen Geldgeber“. Dass neue Mitglieder der Landesregierung aus einem harten parteiinternen Wettbewerb hervorgehen, ist normal, aber dass ein Flügel einer Partei einen Wettbewerber derart rigoros ablehnt und beleidigt, erfordert eine Beurteilung im Lichte des bisherigen „Zauberformel“-Verständnisses.

Weiterlesen »