Sie befinden sich hier:

Schweizerische Europapolitik am Wendepunkt vom Spekulieren und Behaupten zum Erfahren.

Der Bundesrat wird der Europäischen Union mit einer neuen Verhandlungsführung seine Forderungen nach Präzisierung oder Nachverhandlung des Institutionellen Rahmenabkommens unterbreiten. Damit geht eine lange Zeit des Spekulierens und Behauptens zu Ende. Die EU wird der Schweiz definitive Antworten geben. Sodann werden Bundesrat, Parlament und vielleicht das Volk für einige Jahre die massgebliche Voraussetzung für die Entwicklung der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU festlegen.

Die Spekulation, dass die EU der Schweiz jetzt substanziell entgegenkomme werde, haben kurz vor diesem Wendepunkt einen neuen Höhepunkt erreicht – und zugleich die Arroganz Spekulierender: Als „Wasserträger“ der EU beschimpfte Arthur Rutishauser, Chefredaktor der Tages-Anzeiger-Gruppe Politikerinnen und Politiker, die eine vorsichtigere Position einnehmen, und Dominik Feusi, Redaktor derselben Gruppe, bezeichnete sie als „Lakaien“. Werden sich die beiden Publizisten in ein paar Jahren noch gern damit zitieren lassen?

Eigentlich sind die Schweizerinnen und Schweizer aus Brüssel gut informiert. Grosse deutsch- und französischsprachige Zeitungen wie auch die SRG haben dort hoch kompetente Korrespondenten.

„Neue Gesichter, alte Probleme“ – unter diesem Titel schreibt Stephan Israel, Korrespondent der Tages-Anzeiger-Gruppe in Brüssel, in einem am 13.10.2020 erschienenen Kommentar:

„(…) Die EU hat längst signalisiert, wo Spielraum ist, nämlich bei Präzisierungen zum Lohnschutz, zu den Staatsbeihilfen und zur Unionsbürgerrichtlinie. Eine neue, unverbrauchte Chefunterhändlerin könnte die Konzessionen der EU in diesen drei Punkten zu Hause in der Schweiz eher als Sieg verkaufen als sein verheizter Vorgänger.

Möglicherweise ist dies das Kalkül des Bundesrats hinter dem Personalwechsel. Vielleicht geht es bei dem Neuanfang aber auch darum, das Rahmenabkommen rasch zu Grabe zu tragen. Nämlich dann, wenn die EU sich weitergehenden Neuverhandlungen verweigert, worauf derzeit alles hindeutet. Das wäre dann der Sieg der Schweizer «Souveränisten» und der Anfang vom Ende des bilateralen Wegs.“

Dies wäre dann auch der Anfang vom Ende des Spekulierens und Behauptens, wie gut die Schweiz mit einer Verschlechterung des Zugangs zum Wirtschafts-, Forschungs- und Bildungsraum Europa umgehen kann. Die Sorgen der Direktbetroffenen, der exportierenden Industrie- und Dienstleistungsunternehmen wie auch der universitären Lehr- und Forschungsinstitute, werden derzeit von einer politischen Mehrheit teils wenig ernst genommen, teils geradezu hämisch in den Wind geschlagen. Es ist gut, wenn auch in dieser Beziehung die Zeit des Erfahrens beginnt – so oder anders.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Europa muss sich auf vier weitere Trump-Jahre vorbereiten

Zwei Faktoren sprechen dafür, dass Donald Trump 2020 erneut der Präsident einer Minderheit der Wählerinnen und Wähler wird: Erstens braucht er keine Volksmehrheit, sondern eine Elektorenmehrheit, d.h. die Mehrheit in einigen Staaten, die ein grosses Elektorenkontingent stellen. Schon 2016 wurde er gegen das Volksmehr Präsident. Und eine Gegenkandidatur der Demokraten, die ihm gefährlich werden könnte, ist nicht in Sicht. Die Kandidatur Joe Bidens wird wohl demontiert, und Elizabeth Warren mag eine höchst fähige Politikerin sein, aber ihr Programm ist nicht mehrheitsfähig.

Weiterlesen »

AfD wirtschaftsliberal? neonazistisch?

Interessanter Entscheid der SonntagsZeitung: Die frühere AfD-Parteichefin Frauke Petry zu interviewen (Ausgabe vom 2.2.25). Das Interview führte Rico Bandle.
Titel: «Wenn AfDler reden, geht es früher oder später immer um Hitler»

Weiterlesen »

Allein gegen eine Supermacht?

Überlegungen, ob sich die ukrainische Armee gegen die russische behaupten könnte, veranlassten kürzlich jemanden zu einem Tweet, wenn man dies bezweifle, könne man auch gleich die Schweizer Armee abschaffen. Aber der Sinn einer nationalen Armee kann nicht darin bestehen, sich allein gegen eine angreifende atomare Supermacht zu verteidigen. Deshalb ist die Hoffnung des ukrainischen Präsidenten verständlich – wenn auch derzeit wohl nicht realistisch -, dass der Krieg gleich mit dem russischen Angriff zu einem europäischen würde.

Weiterlesen »