Sie befinden sich hier:

Nach dem Scheitern des Alzheimer-Medikaments Aduhelm (Aducanumab)

Biogen, die Firma, die das Alzheimer-Medikament Aduhelm (Wirkstoff: Aducanumab) herstellen und vertreiben wollte, hat aufgegeben*. Sie teilt mit, keine weiteren Mittel für dessen Vertrieb einzusetzen, und der CEO muss gehen. Vorangegangen waren Rückschläge in Zulassungsverfahren in den USA und in Europa. Was bedeutet dies für die Menschen mit Demenz, für deren Angehörige, für Gesellschaft und Politik?

Alzheimer Schweiz informiert einlässlich über den Hergang dieses Scheiterns (Link). Schwer wiegt, dass die wissenschaftliche Hypothese, worauf grosse Teile der Alzheimer-Medikamenteforschung aufbauten, dadurch mehr denn je in Frage gestellt ist: Dass die Alzheimer-Krankheit durch Beseitigung der Amyloid-Ablagerungen im Hirn geheilt werden könnte. Zweifel daran gab es schon zuvor. Die Forschung geht weiter, und sie ist nicht aussichtslos geworden, aber andere Hypothesen werden nun an Bedeutung gewinnen.

„Care today, cure tomorrow“ lautet ein Motto der internationalen Bewegung für ein besseres Leben mit Demenz: Behandeln und pflegen wir heute, da wir erst morgen (vielleicht) heilen können. So zum Beispiel Dr. phil. Stefanie Becker, Direktorin von Alzheimer Schweiz und Vorstandsmitglied von Alzheimer Europe, in diesem Vortrag: Link.

Wenn kein Medikament in Sicht ist, das Alzheimer heilt, müssen umso mehr die Therapien des Krankheitsverlaufs, vor allem auch die nichtmedikamentösen, sowie Beratung und Unterstützung gefördert werden, die ein besseres Leben mit Demenz ermöglichen. Mit Alzheimer oder einer anderen Demenzkrankheit zu leben – sei es als kranke oder angehörige Person – ist ein schweres Schicksal. Aber die Diskrepanz zwischen möglichen Lebensqualitäten ist enorm: Am schlimmsten ist, damit allein gelassen zu werden: ohne Rat, ohne Hilfe, ohne Inklusion. Vereinsamung, Verelendung, Verarmung sind dann die Folgen – oft nicht allein für die Kranken, sondern auch für pflegende und betreuende Angehörige, wenn sie sich mehr und mehr überfordern.

Es gibt beeinflussbare Demenzrisiken. Für diese ist Demenzprävention durchaus möglich, und in Gesellschaften mit relativ gutem Bildungs- und Informationsstand ist die Chance deshalb etwas grösser geworden, nicht an einer Demenz zu erkranken. Aber der grösste Risikofaktor ist hohes Alter, und immer mehr Menschen erreichen dieses. Deshalb muss mit einer weiteren Verbreitung der Volkskrankheit Alzheimer gerechnet werden. Es ist ein humanitäres Gebot erster Ordnung, mehr für ein besseres Leben mit Demenz zu tun.

*

*  Tages-Anzeiger, 4.5.22: „Flop mit Alzheimer-Mittel kostet Biogen-Chef den Job“ (Link).

*

Mehr dazu:

„Unabgeklärte Demenz-Symptome: Zerstörte Partnerschaft, gekündigte Arbeitsstelle“ (Link)

„Mit vereinten Kräften für ein besseres Leben mit Demenzkrankheiten“ (Link)

„Interessante Arbeit vermindert das Risiko, an einer Demenz zu erkranken“ (Link)

„‚Der andere Pflegenotstand‘: Wenn sich pflegende Angehörige überfordern“ (Link)

„Wenn sich am Arbeitsplatz eine Krankheit bemerkbar macht. Zum Beispiel eine Demenz“ (Link)

„Für ein besseres Leben mit Demenz: Zweite 8 Jahre für Hollands ‚Deltaplan Demenz‘ – eine Plattform für die Schweiz“ (Link)

Deklaration: Der Autor war 2009-2020 Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz und ist derzeit Stiftungsratspräsident von Alois % Auguste, einer Stiftung zur Förderung innovativer und kooperativer Projekte für ein besseres Leben mit Demenz.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Zweimal geimpft und trotzdem gefährdet und ansteckend. Führt das wieder zum Shutdown für Alle?

Ein Beispiel, das um die Welt geht: Der britische Gesundheitsminister ist an COVID erkrankt, obwohl er zweimal geimpft war. Boris Johnson ist in Selbstisolation, weil er mit ihm konferiert hatte. Der Gesundheitsminister ruft aber erst recht zum Impfen auf, weil er dank zweimaliger Impfung nur milde Symptome habe: „He said: „I’m grateful that I’ve had two jabs of the vaccine and so far my symptoms are very mild.“ (…) He urged people who had not been vaccinated yet to „get out there and get them as soon as you can“.“*

Weiterlesen »

Freiheitsbeschränkungen: Ein Grundsatz wird in Frage gestellt.

Der in Frage gestellte Grundsatz lautet: Die Notwendigkeit einer Freiheitsbeschränkung muss der Person gegenüber begründet werden, deren Freiheit beschränkt werden soll. Das ist nicht nur eine politische Forderung, sondern auch Verfassungsrecht. Selbst eine gesetzliche Grundlage würde nicht genügen. Die Einschränkung muss notwendig und verhältnismässig sein. Wenn eine mildere Massnahme genügt, muss die mildere getroffen werden. An der Geltung dieses Grundsatzes sind wir alle interessiert, ob geimpft oder nicht.

Weiterlesen »

Unsere Gesellschaft braucht die Mitarbeit leistungsfähiger Menschen über 65 – jetzt erst recht

Eveline Widmer-Schlumpf, Präsidentin von Pro Senectute Schweiz, wendet sich erneut gegen die Einstufung aller Menschen ab 65 Jahren als Risikogruppe: „Zieht man die Grenze bei 65, werden jene faktisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, die jetzt besonders gefragt sind: die aktiven, fitten Seniorinnen und Senioren.“ – Sie setzt sich auch für die Menschen ein, die in Heimen leben: „Was nicht mehr sein sollte, ist, dass man sie flächendeckend und für längere Zeit einschliesst. Einsamkeit ist eine Qual.“ Und sie appelliert „an alle, in dieser Zeit ganz besonders den Kontakt zu älteren Personen zu pflegen – und zwar regelmässig. Viele Seniorinnen und Senioren haben inzwischen auch gelernt mit Videotelefonie umzugehen.“

Weiterlesen »