Sie befinden sich hier:

Für gute Pflege zu sorgen, ist auch ökonomisch sinnvoll

Gute Pflege alter und kranker Menschen ist zweifellos einer Mehrheit der Bevölkerung ein grosses Anliegen. Man will sie für nahestehende Menschen, aber auch für den Fall, dass man selber eines Tages darauf angewiesen ist. Anderseits leiden Viele unter den steigenden Prämien der Krankenversicherungen. Deshalb ist es wichtig, klarzumachen, wie die Qualität der Pflege mit der Entwicklung der Gesundheits- und Sozialkosten zusammenhängt.

„Besser ausgebildetes Pflegepersonal rettet Leben und spart Hunderte Millionen Franken“: Unter diesem Titel berichtet Simon Hehli, der für Gesundheitspolitik zuständige Inlandredaktor der NZZ, über zwei neue wissenschaftliche Studien (Link zum Artikel).

Auszug:

Der Pflegewissenschafter Michael Simon von der Uni Basel und der Berner Ökonom Michael Gerfin  haben „die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zu 135 Akutspitälern und 1,2 Millionen Patienten analysiert. Ihr Befund: Beträgt der Anteil der diplomierten Pflegefachleute im Team weniger als 75 Prozent und mangelt es auch an FaGe, steigt das Sterberisiko um 2 Prozent. Das wären auf die Schweiz hochgerechnet 243 Todesfälle pro Jahr. Ohne genügend Fachpersonal steigt laut der Studie auch das Risiko, dass Patienten akute Stoffwechselstörungen erleiden. Und die Liegedauer nimmt zu. Simon und Gerfin schreiben von jährlich über 200 000 Pflegetagen im Spital, die derzeit vermeidbar wären. Kosten: 357 Millionen Franken.

Eine kürzlich veröffentlichte Auswertung der Uni Basel kommt zu dem Schluss, dass 42 Prozent der Spitaleinweisungen von Pflegeheimbewohnern vermeidbar seien. Dies, wenn in den Heimen mehr qualifiziertes Personal zum Einsatz käme. Damit liessen sich Kosten von jährlich 100 Millionen Franken einsparen. Der Pflegewissenschafter Simon geht noch einen Schritt weiter: Er schätzt, dass das Sparpotenzial bei Seniorinnen, die noch zu Hause leben, sogar 1,5 Milliarden Franken beträgt. Mit einem Ausbau der Spitexleistungen, wofür es auch die entsprechenden Fachleute braucht, könnte es gelingen, dass es gar nicht erst zu den teuren Spitalaufenthalten kommt.“

*

Studie INTERCARE der Universität Basel:

„INTERCARE ist ein durch das NFP74 des Schweizerischen Nationalfonds, die Stiftung Pflegewissenschaft und die Ebnet-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt, welches durch ein interprofessionelles pflegegeleitetes Versorgungsmodell vermeidbare Hospitalisierungen aus Schweizer Pflegeheimen reduzieren möchte.

Bewohnende in Einrichtungen der Langzeitpflege sind heute in einem weit fortgeschrittenen Lebensalter mit deutlich komplexeren Versorgungsbedürfnissen als früher und stellen damit Pflegeeinrichtungen vor umfangreiche neue Herausforderungen.

INTERCARE zeigt neue Möglichkeiten auf, die vorhandenen knappen Personalressourcen in der stationären Langzeitpflege in der Schweiz für bessere Bewohnerergebnisse optimal einzusetzen. Um auch langfristig eine hohe Versorgungsqualität zu sichern, gilt es, das ausgebildete Fachpersonal aus Pflege und Medizin genau dort einzusetzen, wo der jeweilige Nutzen am grössten ist.“

*

Alzheimer Schweiz kann beifügen:

Wenn die Steigerung von Zahl und Ausbildungsstand der Pflegenden auch dazu führt, dass mehr und besseres Demenzwissen zur Anwendung kommt, fördert dies das Bestreben der Kantone, verfrühte oder unnötige Heimeintritte und deren Kosten zu vermeiden, und vermindert die Zahl von Drehtüreffekten nach Behandlung von Menschen mit Demenz in Akutspitälern.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Unsere Gesellschaft braucht die Mitarbeit leistungsfähiger Menschen über 65 – jetzt erst recht

Eveline Widmer-Schlumpf, Präsidentin von Pro Senectute Schweiz, wendet sich erneut gegen die Einstufung aller Menschen ab 65 Jahren als Risikogruppe: „Zieht man die Grenze bei 65, werden jene faktisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, die jetzt besonders gefragt sind: die aktiven, fitten Seniorinnen und Senioren.“ – Sie setzt sich auch für die Menschen ein, die in Heimen leben: „Was nicht mehr sein sollte, ist, dass man sie flächendeckend und für längere Zeit einschliesst. Einsamkeit ist eine Qual.“ Und sie appelliert „an alle, in dieser Zeit ganz besonders den Kontakt zu älteren Personen zu pflegen – und zwar regelmässig. Viele Seniorinnen und Senioren haben inzwischen auch gelernt mit Videotelefonie umzugehen.“

Weiterlesen »

„Sterben lassen!“ – Höchste Zeit, sich dieser Forderung zu stellen.

„Sterben lassen!“ Bis jetzt wurde diese Forderung meist erst zurückhaltend vertreten. Jetzt kommt sie enttabuisiert und knüppeldick daher: „Es gehen Milliarden von Franken verloren für ein paar Hundert weniger Tote“ (Sami Sawiris, Hotel Chedi Andermatt, in der SonntagsZeitung vom 3.5.20). „Ab jetzt darf es nur noch eine Richtung geben: zurück zu einer neuen Art der Normalität, die so wirtschafts- und damit auch lebensfreundlich ist wie nur möglich“ (Andreas Kunz, Redaktionsleiter desselben Blattes).

Weiterlesen »