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Goethe an der Front

Die preussischen und österreichischen Könige und Fürsten wollten 1792 die Französische Revolution niederschlagen. An ihrer gescheiterten
Invasion nahm auch Goethe teil: Als Minister des Herzogs von Weimar – und als Kriegsberichterstatter, dessen Buch „Kampagne in Frankreich“ angesichts der aktuellen Kriegsrisiken in Europa in Erinnerung gerufen zu werden lohnt.

Die Truppen der Revolution zwangen nach der „Kanonade von Valmy“ die deutschen zum Rückzug. Die „Kampagne in Frankreich“ bewirkte in der Folge das Gegenteil des Beabsichtigten: Französische Revolutionstruppen und danach Napoleon besetzten sukzessive weite Teile Deutschlands, bis Napoleon mit dem Russlandfeldzug seinen Bogen überspannte.

Goethe beschreibt den Krieg in seiner ganzen Grausamkeit: Die Leiden der Verwundeten und Sterbenden, der Soldaten und ihrer Pferde, aber auch, was der Krieg abseits der Schlachtfelder mit Menschen anrichtete. Ein solches Beispiel sei hier zitiert:

In der Gemeinde Etain in der Nähe von Verdun wurde er „in einem gastlichen Haus“ aufgenommen, „aber uns erwartete eine wahrhaft herzergreifende Familienszene. Der Sohn, ein schöner junger Mann, hatte schon einige Zeit, hingerissen von den allgemeinen Gesinnungen, in Paris unter den Nationaltruppen gedient und sich dort hervorgetan. Als nun aber die Preussen eingedrungen, die Emigrierten mit der stolzen Hoffnung eines gewissen Sieges herangelangt waren, verlangten die nun auch zuversichtlicheren Eltern dringend und wieder dringend, der Sohn solle seine dortige Lage, die er nun verabscheuen müsse, eiligst aufgeben, zurückkehren und diesseits für die gute Sache fechten. Der Sohn, wider Willen, aus Pietät, kommt zurück, eben in dem Moment, da Preussen, Österreicher und Emigrierte retirieren; er eilt verzweiflungsvoll durch das Gedränge zu seinem Vaterhaus. Was soll er nun anfangen? Und wie sollen wir ihn empfangen? Freude, ihn wieder zu sehen, Schmerz ihn in dem Augenblick wieder zu verlieren? Verwirrung, ob Haus und Hof in diesem Sturm werde zu erhalten sein. Als junger Mann dem neuen Systeme günstig, kehrt er genötigt zu einer Partei zurück, die er verabscheut, und eben als er sich in dieses Schicksal ergibt, sieht er diese Partei zugrunde gehen. Aus Paris entwichen, weiss er sich schon in das Sünden- und Todesregister geschrieben; und nun im Augenblick soll er aus seinem Vaterland verbannt, aus seines Vaters Haus gestossen werden. Die Eltern, die sich gern an ihm letzen (alt für erfreuen, Red.) möchten, müssen ihn selbst wegtreiben, und er, in Schmerzenswonne des Wiedersehens, weiss nicht, wie er sich losreissen soll; die Umarmungen sind Vorwürfe, und das Scheiden, das vor unseren Augen geschieht, schrecklich.“

*

Der Entschluss der preussischen und österreichischen Machthaber, wohl auch bestärkt durch französische Emigrierte – über die Goethe meist nachteilig berichtet -, der französischen Revolution durch einen Marsch auf Paris ein Ende zu setzen, hätte ein weiteres Kapitel ergeben für das Buch „Die Torheit der Regierenden“ der Historikerin Barbara Tuchman.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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