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„Fragen hätte ich noch“: Familiengeschichten, die die Zeitgeschichte erhellen

Wolfram Schneider-Lastin regte zunächst sich selbst und dann 29 Autorinnen und Autoren an, kurze „Geschichten von unseren Grosseltern“ zu schreiben. Entstanden ist eine höchst lesenswerte Sammlung, die an individuellen Schicksalen die politischen, kriegerischen, verbrecherischen Dramen des 20. Jahrhunderts vor Augen führt. „Die Geschichten sind authentisch, persönlich und gehen unter die Haut“ schreibt der Herausgeber sehr zutreffend: „In einer Zeit der Geschichtsvergessenheit und tiefgreifender politischer Veränderungen tut Rückbesinnung not.“ Fürwahr!

Diese lesefreundlich kurzgefassten „Geschichten, die das Leben schrieb“, handeln von Tätern und Opfern, von Anpassung, innerer Emigration, nacktem Überlebenskampf. Sie sind aktuell, weil wir wieder mehr und mehr dazu gezwungen sind, zu überlegen, wie Menschen handeln – und wie wir selbst handeln könnten – in einer brutalen Diktatur, im Krieg, unter Verhältnissen auch, in denen es mitunter kaum noch möglich scheint, nach ethischen Geboten zu leben, die man gelernt und anerkannt hat.

Nicht alle dieser Geschichten führen uns Politik, Krieg, Verfolgung, Überleben vor Augen. Auch solche, die von Allgemein-Menschlichem handeln, sind ergreifend.

Über die Entstehung dieses 250-Seiten-schlanken Buches schreibt Wolfram Schneider-Lastin in seinem Vorwort: „Am Anfang stand der Corona-Lockdown. In dieser Zeit des erzwungenen Stillstands begann ich, die Geschichte meiner süddeutschen Grossväter aufzuschreiben. Ich wollte ihr bewegtes Leben, vor allem während des Nationalsozialismus, festhalten und das Erinnerte innerhalb der Familie weitergeben. Der Gedanke an eine Publikation lag mir fern. Die niedergeschriebene Geschichte meines Grossvaters mütterlicherseits habe ich anschliessend an einige Freunde und mir nahestehende Bekannte geschickt.

Da geschah etwas völlig Unerwartetes. Der Text wirkte bei den Adressatinnen und Adressaten wie ein Auslöser, sich ihrerseits zu erinnern, und sie erzählten mir, unaufgefordert und spontan, von ihren eigenen Grossvätern und Grossmüttern. Es war, als träfe meine Geschichte einen Nerv, als öffnete sie ein geschlossenes Ventil. Verschüttetes kam zutage, Berührendes, historisch Interessantes, aber auch Schmerzhaftes. (…) Ich fragte gezielt Schriftstellerinnen und Schriftsteller, aber auch Menschen aus anderen Berufen an, ob sie sich beteiligen wollten – und die meisten haben begeistert zugesagt. (…)

Die Grossväter und Grossmütter, die im Mittelpunkt der Erzählungen stehen, lebten im 20. Jahrhundert mit all seinen Höhen und Tiefen. Und es zeigt sich, dass kaum eine der Geschichten ausschliesslich privat sein kann, sondern dass die gesellschaftlichen Bedingungen und die politischen Umstände immer in das private Leben hineinwirkten. (…)

Die Autorinnen und Autoren kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da ihre Grosseltern zum Teil aber in anderen Ländern lebten, finden sich im Buch auch Geschichten aus Italien, Frankreich, Polen, Tschechien, Ungarn, der Ukraine, Israel, Pakistan und der  DDR. Und es zeigt sich, dass die Krisen des 20. Jahrhunderts, in erster Linie die beiden Weltkriege, der Holocaust, Flucht und Vertreibung, in den verschiedenen Ländern zu ganz unterschiedlichen Schicksalen führten. (…)“

*

Der Herausgeber verdient für diese starke Intervention gegen die Geschichtsvergessenheit Dank – und das Buch eine grosse Verbreitung!

Es erschien 2024 im Rotpunkt-Verlag (Link).

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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