Sie befinden sich hier:

Starke Schweiz – starkes Parlament, starke Kantone, lebendige direkte Demokratie

Die Schweiz ist stark, wenn sie guten Zugang zu den Märkten und Kooperationen im freien, demokratischen Europa hat. Sie ist stark, wenn sie für den Kriegsfall eine gemeinsame Verteidigung mit zeitgemäss gerüsteten Partnern vorbereitet hat. Wenn die Schweiz stark ist, sind es auch Parlament und Kantone, und bleibt auch die direkte Demokratie vital.

Übereinstimmend versuchten in der NZZ Redaktorin Katharina Fontana und ihr Interviewpartner Professor Andreas Glaser Parlament und Kantone gegen die Vereinbarungen mit der Europäischen Union einzunehmen, die sich aus den Verhandlungen der Schweiz mit der EU ergeben können: Ihnen drohe institutionelle Schwächung (Interview in der NZZ vom 24.1.24).

Parlament und Kantone erlangen politische Gestaltungskraft durch guten Zugang der Schweiz zu den Märkten und Kooperationen Europas. Setzen sie diesen aufs Spiel, droht mittel- und langfristig eine Einbusse an Wirtschaftskraft und eine Schwächung des Forschungs- und Bildungsstandorts, und damit an Gestaltungskraft. Die Staatsebenen und ihre gewählten Behörden werden sich mehr und mehr mit Schadensbegrenzung und Schadensmilderung befassen müssen. Bei guter Wirtschaftslage und Fachkräftemangel braucht es einige Voraussicht, um der Wahrscheinlichkeit einer nachteiligen Entwicklung Rechnung zu tragen. „Ein Hochgefühl von Unantastbarkeit bestimmt die Europapolitik der Schweiz“, wurde hier noch im Juni 2023 festgestellt (Link).

Je besser die Schweiz ins freie, demokratische Europa integriert ist, je besser sie mit ihm zusammenarbeitet, desto eher kann sie sich auch Gehör verschaffen bei der Weiterentwicklung eines  europäischen Rechts, das sie bekanntlich längst „autonom“ nachvollzieht. Für eine kooperative, solidarische Schweiz gibt es auch ohne Beitritt zur EU ein auszuschöpfendes Potenzial für „decision shaping“.

Was die „fremden Richter“ in Gestalt des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Luxemburg anbelangt, hat Matthias Oesch, ordentlicher Professor für öffentliches Recht, Europarecht und Wirtschaftsvölkerrecht an der Universität Zürich, ihre Zuständigkeit und deren Grenze sorgfältig dargelegt in einem neu erschienenen Buch und einem Interview, das der Verein Unser Recht mit ihm führte (Link). Die Polemik, die gegen die Zuständigkeit des EuGH geführt wird, erscheint als unberechtigt. So normal es ist, dass das schweizerische Bundesgericht schweizerisches Recht verbindlich auslegt, so normal ist es, dass der EuGH EU-Recht verbindlich auslegt.

Ja, wir wollen ein starkes Parlament, starke Kantone, lebendige direkte Demokratie. Ihre Stärke erweist sich in ihrer Fähigkeit, die Interessen der Schweiz zu beurteilen und zu wahren, wenn die Verhandlungsergebnisse zur vertraglichen Stabilisierung der bilateralen Beziehungen vorliegen.

Mehr dazu:

„Brauchen Schweizer Bevölkerung, Wirtschaft, Lohnabhängige, Forschung die Bilateralen III“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Soll sich die Schweiz mit einem Freihandelsvertrag mit der EU zufrieden geben?

Die Weigerung, eine Zuständigkeit des Europäischen Gerichtshofs für die Auslegung von EU-Recht anzuerkennen, kann die Schweiz vor die Frage stellen: Gibt sie sich mit einem Freihandelsvertrag zufrieden und verzichtet auf bilaterale Verträge, die EU-Recht enthalten? Dies hat die SVP ja auch schon vertreten. Nutzen wir die Zeit, um abzuklären, welche Auswirkungen dies haben könnte.

Weiterlesen »

Der Putin-Winter führt ins Schweizer Wahljahr

Wenn die Folgen von Putins Gas-Erpressung die italienische Bevölkerung und Wirtschaft zu treffen beginnen, haben sie bereits gewählt. Die Rechtsextremen, so sie denn – wie jetzt erwartet wird – gewinnen, müssen sich in der Regierung bewähren. In der Schweiz führt der Putin-Winter ins Wahljahr – und man merkt es.

Weiterlesen »

Wieviel ist der Schweiz der Schutz der Menschenrechte in Europa wert?

Am Dienstag, 24. September, wird der Nationalrat über Vorstösse entscheiden, die die Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) fordern. Deren Urheber werden ihre Empörung über das Klima-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ausdrücken. Aber die Beratung muss auf eine grundsätzliche Ebene angehoben werden: Wieviel wert ist der Schweiz, ihren Einwohnerinnen und Einwohnern der Schutz der Menschenrechte in Europa?

Weiterlesen »