Putin ging ein beschränktes Risiko ein, als er die Überführung Nawalnyjs zur Behandlung nach Berlin zuliess. Einerseits schien ihm am Eindruck gelegen, dass er nicht am Tod, sondern an der Heilung des Oppositionellen interessiert sei. Anderseits musste er damit rechnen, dass die Ärzte in Berlin Gifteinsatz feststellen würden.
Die billigste Reaktion wäre jetzt: Ihr vergeltet meinen humanitären Entscheid, Nawalnyj eine Überlebenschance zu geben, mit russlandfeindlicher Propaganda. Ich sehe keinen Grund für eine unabhängige Ermittlung. Bei uns finden keine Giftmorde, überhaupt keine politischen Morde statt.
Putin wird nicht verkennen, dass dies im demokratisch-rechtsstaatlichen Europa keinen Glauben fände. Reagiert er so, dann ist dies nur als Botschaft zu verstehen: Russland ist stark genug, dass mir egal sein kann, wie ihr über mich und über meine Herrschaft denkt. Nützlich ist mir hingegen, dass jeder Russe, jede Russin weiss, dass er oder sie irgendwo in Russland und in Europa um sein Leben fürchten muss. Ich brauche Mordbefehle auch gar nicht selber zu geben – das Nötige wird ohnedies getan.
Noch besteht Hoffnung, dass Putin seine Interessen anders beurteilt. Gerade in Deutschland steht einiges auf dem Spiel. Die deutsche Bundesregierung hat sich bisher zum Beispiel tapfer für die Gasleitung Nord Stream 2 eingesetzt, die die USA unbedingt verhindern wollen.
Russland ist Mitglied des Europarates. Dieser könnte versuchen, mit Russland und Deutschland eine beidseits als unabhängig akzeptierbare Untersuchung auszuhandeln.