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Als Frankreich besetzt war und befreit wurde

Nach einem Besuch des Musée de la Libération in Paris: Gedanken über Europa gestern, heute und morgen.

Wenn wir uns im Ausland aufhalten, besuchen wir wenn möglich zeitgeschichtliche Stätten. So diese Woche in Paris: Das Musée de la Libération.

Es ist kaum noch vorstellbar, dass Frankreich 1940 bis 1944 durch deutsche Truppen besetzt war, und was diese Fremdherrschaft für die Französinnen und Franzosen bedeutete. Aber es lohnt sich immer wieder, sich damit zu befassen.

Die Beschäftigung mit Hitlers Herrschaft über grosse Teile Europas und mit dem Blutzoll der Befreiung lässt erst den Wert der europäischen Nachkriegsordnung voll erkennen. Es ist mir bewusst: Ein Gegner der europäischen Integration, ein Befürworter der Rückkehr zu entfesselten Nationalstaaten wird nie anerkennen, dass die Entwicklung von EWG über EG zu EU auch eine Friedensordnung geschaffen hat. Allenfalls wird er noch die Bedeutung der NATO anerkennen: Die militärische Integration erschwert ein neues Aufflackern kriegerischer Ambitionen gegen einen europäischen Nachbarstaat. Aber in der EU sind die europäischen Staaten in allen wichtigen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Bereichen so miteinander verbunden, dass es Partei- oder gar Staatsführungen sehr schwer fallen dürfte, ihre Völker wieder zu Feindschaft gegen Nachbarstaaten aufzuwiegeln.

Das Musée de la Libération heroisiert den Widerstand nicht. Es stellt klar, dass es nur einer Minderheit der Bevölkerung möglich war, Widerstand zu leisten, und dass der Widerstand erst strategische Bedeutung erlangte, als die Alliierten in der Normandie landeten und Richtung Paris vorstiessen.

Zu denken gibt auch die Unfähigkeit der französischen Armee, den angreifenden deutschen Truppen wirksamen Widerstand zu leisten. Am 23. Juni 1940 liess sich Adolf Hitler vor dem Eiffelturm als Triumphator fotografieren. Wäre es solches Bild in ein paar Jahren mit einem triumphierenden Wladimir Putin möglich? Wenn Putin in die Tat umzusetzen versucht, was seine Propagandisten den europäischen Demokratien androhen, könnte die Nato der russischen Armee wohl wirksameren Widerstand entgegensetzen als Frankreich damals den Truppen Hitlers. Deshalb setzt Putin darauf, den Widerstandswillen zu brechen. Parteien und Politiker, die Putin heute zu erkennen geben, dass sie militärischen Widerstand ablehnen, ermutigen ihn zu einem Entschluss, den er vielleicht bereuen müsste, der aber auch für die westlichen Demokratien schwere Folgen hätte. Auch die Schwäche der französischen Armee war durch falsch verstandenen Pazifismus und durch schwere innere Spannungen mitverursacht worden.

Siehe auch:

„Deutschlands Erinnerungskultur – neu erlebt“ (Link)

„Thomas Mann 1939: Das ‚verzweifelte Bürgertum‘ Deutschlands“ (Link)

„Nachfahren von WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis warnen vor Rechtsextremisten, insbesondere vor der AfD“ (Link)

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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