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Chrupalla: „Wir sind keine Mehrheitsbeschaffer für die Union“

Die AfD will Regierungsmacht, als Seniorpartnerin oder allein. Der Idee einer Minderheitsregierung Merz mit fallweiser AfD-Unterstützung im Bundestag erteilt Tino Chrupalla, Ko-Vorsitzender der AfD, eine Absage. Und die AfD radikalisiert sich weiter.

Aus dem Leitartikel von Friederike Haupt in der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 3. Dezember 2025 unter dem Titel „Die Macht der AfD-Jugend“:

„Die neue AfD-Jugend ist mächtig. Wie sehr, zeigt nicht nur das Selbstbewusstsein, mit dem sie spricht, sondern mehr noch der Schmeichelton, in dem mit ihr gesprochen wird. Etwa vom Ko-Vorsitzenden der Partei, Tino Chrupalla. Auf dem Gründungskongress der „Generation Deutschland“ am Wochenende in Gießen hielt er eine Rede, die von Jubel begleitet wurde. Was bejubelten die Zuhörer?

Unter dem Vorwand, ihnen väterlich ins Gewissen zu reden, betonte Chrupalla die Gemeinsamkeiten zwischen Alten und Jungen in der Partei, auch zwischen ihm persönlich und seinem Publikum. Die Parteijugend solle politisch mitarbeiten, anstatt ihr Glück nur in Aktivismus und Geselligkeit zu suchen, im Fechten, Wandern oder Singen. Derlei gehöre natürlich auch dazu, beeilte er sich hinterherzuschicken. Er selbst habe als junger Mensch, damals noch in der Jungen Union, viele Liederabende mitgemacht. Und nun kam Chrupallas Pointe: „Wir haben viele Lieder gesungen. Welche, sage ich jetzt nicht.“ Er feixte, blickte in den Saal, wartete – nicht vergeblich. Lachen im Publikum, donnernder Applaus. (…)

„Wir sind keine Mehrheitsbeschaffer für die Union“, versicherte er der Parteijugend. Das Motto der AfD müsse lauten: Regieren statt tolerieren. Und Regieren bedeute: als Seniorpartner oder allein. Denn, so Chrupalla, warum sollten Bürger der AfD ihre Stimme geben, wenn die Partei ihnen das Gefühl vermittle, sie wollte gar nicht unbedingt das Ruder übernehmen? (…)

Die Aussicht auf eine Alleinregierung dämpft die Bereitschaft, sich zu mäßigen. Gerade AfD-Politiker aus dem Osten sowie die Jugend unter der Führung des Brandenburger Rechtsextremisten Jean-Pascal Hohm glauben, dass Radikalität sich auszahlt. Das bekräftigte auch der frühere Vorsitzende der früheren, inzwischen aufgelösten AfD-Jugendorganisation, der Rechtsextremist Hannes Gnauck. „Es gibt Fälle, wo das höchste Wagen die höchste Weisheit ist“, so zitierte er, verbunden mit dem Aufruf, ebendas zu tun, Clausewitz („Vom Kriege“).

Was wäre das höchste Wagen? „Millionenfache Remigration“ verlangten jedenfalls mehrere derjenigen, die in den Vorstand der neuen Parteijugend gewählt wurden. „Abschieben, abschieben, abschieben, bis Deutschland wieder Heimat wird“, ergänzte einer, ein anderer forderte, das Fenster dessen konsequent zu erweitern, was in Deutschland als diskussionswürdig gelte. Naheliegende Frage: Wie weit denn genau? Der Kandidat rief das Motto der Hitlerjugend „Jugend muss durch Jugend geführt werden“ zum „Leitstern“ der AfD-Jugend aus.

Manche AfD-Bundestagsabgeordnete wiegen nachdenklich die Köpfe, wenn sie solche Töne hören. So rede nun einmal die ungezügelte Jugend, sagen sie entschuldigend. Aber es ist nicht nur die Jugend, sondern auch Chrupalla selbst, der dazu aufrief, gemeinsam bissig zu bleiben, während seine Ko-Vorsitzende Alice Weidel danebensaß und klatschte. Die AfD-Jugend erfahre breite Unterstützung im Parteivorstand und in der Bundestagsfraktion, beobachtete Gnauck. Das geschieht nicht, obwohl, sondern weil sie so ist, wie sie ist.

*

Diese Entwicklung müsste dem Verständnis für die breiten Kreise des deutschen Bürgertums und der deutschen Privatwirtschaft förderlich sein, die zu dieser Partei entschieden auf Distanz bleiben. Sie kennen sie zu gut, und sie sind und bleiben dem „Nie wieder!“ verpflichtet. Neuste Bestätigung: Soeben hat der Verband der Familienunternehmen seine kurzzeitigen Öffnungsversuch gegenüber der AfD abgebrochen (Link).

Die AfD will der Union keine Alternative zur Koalition mit der SPD anbieten, sondern Neuwahl des Bundestags. Dadurch erhöht sie die gegenseitige Abhängigkeit der Koalitionsparteien. Keine von ihnen ist an einem Zerbrechen der Koalition interessiert.

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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