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„Der andere Pflegenotstand.“ Wenn sich pflegende Angehörige überfordern.

Berichte, dass immer mehr alte Menschen den Eintritt in ein Heim unbedingt vermeiden wollen, folgen sich. Am 15. Mai 2021 ist diese Entwicklung Schwerpunktthema der „Schweiz am Wochenende“*. Tags darauf ist ein Artikel der „Frankfurter Sonntagszeitung“ zu empfehlen: „Der andere Pflegenotstand.“ Dieser wird am Beispiel der Pflege einer Frau mit Multipler Sklerose durch ihren Partner gezeigt. Oft stellt sich aber dasselbe Problem bei Pflege- und Betreuungsbedürftigkeit im hohen Alter. Wir müssen die Kehrseite des Trends zur Vermeidung des Lebens im Heim ernst nehmen. – Die Nachfrage nach Spitex und Betreuungshilfe steigt, den Heimen ist Sorge zu tragen, und neue, gemeinschaftliche

„Der andere Pflegenotstand: Die meisten Menschen werden nicht im Heim, sondern zu Hause gepflegt. Doch was, wenn ihre Angehörigen nicht mehr können? Ein Mann am Ende seiner Kräfte erzählt.“

„(…) „Das eigene Leben kann man verges­sen. Man kann nicht mal eben in den Harz, biss­chen wandern“, sagt König (so heisst der Mann, der seine an MS erkrankte Partnerin pflegt) „und lenkt den Wagen durch aufge­räum­te Voror­te. Morgens um neun wecken, auf den Rücken drehen, den Körper aus dem Bett und in den Lifter heben, duschen, umzie­hen, anzie­hen, umset­zen. Das dauert vier Stun­den und ist nur der Anfang vom Tag. König fürch­tet, dass ihm lang­sam die Kraft ausgeht. „Ich bin kein junger Hüpfer mehr, die 65 kommt.“ (…) Dann kehrt Peter König wieder zurück. Zu Nicole, seiner Part­ne­rin, und zu seinem Kampf gegen die Barrie­ren dieser Welt.

Dieser Kampf beginnt schon nach dem Parken. Über­all sieht König hohe Bord­stei­ne, unüber­wind­bar für Roll­stuhl­fah­rer. „Hallo, bin wieder da!“, ruft er beim Aufschlie­ßen. In der Wohnung, einer alten Gast­stät­te, geht es gleich weiter mit den Hinder­nis­sen. An den Wänden hält wegen der Gips­ver­klei­dung kein Griff. Seit drei Jahren suchen sie vergeb­lich nach einer besse­ren Wohnung. „Barrie­re­frei­er Wohn­raum ist total vernach­läs­sigt worden.“

König“findet es ja gut, dass jetzt so viel über die Pfle­ger in den Klini­ken gespro­chen werde, aber was ist mit Leuten wie ihm? König war beim Bundes­grenz­schutz, dann in der freien Wirt­schaft, jetzt ist das hier sein Job. „Wieso gibt es kein Pfle­ge­geld für pfle­gen­de Ange­hö­ri­ge?“, fragt er. Die meis­ten werden nicht im Heim, sondern zu Hause gepflegt, drei Vier­tel aller Fälle. „Wenn davon nur ein Teil wegbre­chen würde, dann hätten wir einen Pfle­ge­kol­laps.““

*  Link zum Bericht der „Schweiz am Wochenende“ (hinter Paywall). Derjenige der „Frankfurter Sonntagszeitung“ ist (noch) nicht online zugänglich.

Siehe auch:

„Immer mehr alte Menschen wollen zu Hause gepflegt und betreut werden“ (Link).

„Neue Wohn- und Lebensformen im Alter werden aufgewertet – trotzdem ist den Heimen Sorge zu tragen“ (Link).

„Was tun, damit nicht immer mehr Menschen einen Heimeintritt unbedingt vermeiden wollen?“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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