Sie befinden sich hier:

Ausbau des China-Geschäfts nach Scheitern des Rahmenabkommens? Bundesrat Cassis relativiert Erwartungen.

Wenn das Institutionelle Rahmenabkommen mit der EU scheitert, muss die Schweizer Wirtschaft mit nichttarifären Handelshemmnissen und in der Folge mit dem Verlust von Marktanteilen in den Mitgliedländern der EU rechnen. Der Versuch liegt nahe, sich dafür auf anderen Märkten schadlos zu halten, vor allem auf dem Riesenmarkt China. Bundesrat Ignazio Cassis nahm dazu Stellung.

Die „NZZ am Sonntag“ fragte den Aussenminister: „Kritiker des Rahmenabkommens bringen den Ausbau des Handels mit China als Alternative ins Spiel. Ist das für Sie eine Option?“

Antwort Bundesrat Cassis‘: „Die Schweiz liegt in Europa, wir stehen uns kulturell und wirtschaftlich viel näher, das ändert nicht. Auch nicht im 21. Jahrhundert, das viele wegen des Aufstiegs Chinas und anderer Volkswirtschaften in dieser Region als das asiatische Jahrhundert sehen. Freihandelsabkommen mit solchen Staaten helfen uns, unsere Klumpenrisiken zu reduzieren. Es gibt auch hier kein Entweder-oder.“ (Link zum Interview, erschienen am 21.3.21)

Ein Nein ist das nicht, sondern wohl eher zu verstehen als: Tut, was ihr wollt und könnt, um das China-Geschäft auszubauen, aber versprecht euch nicht zu viel davon, denn der europäische Markt bleibt wichtig. Wir haben euch ja mit dem Freihandelsabkommen den Weg geebnet. Und die neue China-Strategie des Bundesrates? Cassis erwähnt sie in dieser Antwort nicht. Sie soll wohl einen Ausbau des China-Geschäfts nicht behindern.

Ob man zugleich das USA-Geschäft, das Geschäft mit engen Verbündeten der USA und das China-Geschäft expandieren kann, ist zumindest nicht ganz selbstverständlich. Und sollte die Schweiz sich in China gegenüber der EU durch ausgesprochene Willfährigkeit profilieren, könnte sich dies nachteilig auf die Bereitschaft der EU auswirken, nach dem Scheitern des InstA auf  schweizerische Bemühungen um Schadensminderung und um allfällige Neuverhandlungen einzugehen.

Auch ein gewisses innenpolitisches Risiko ist nicht zu verkennen. Grosse Teile der Schweizer Bevölkerung stehen den Menschenrechtsverletzungen Chinas, der Gleichschaltung Hongkongs und den Drohungen gegenüber Taiwan nicht gleichgültig gegenüber. Das Volks-Ja zur Konzernverantwortungsinitiative, die Knappheit des Ja zum Freihandelsabkommen mit Indonesien und das Nein zu einer teilprivaten elektronischen Identifikation waren Warnungen: Die plebiszitäre Unterstützung der Wirtschaft und ihrer Interessen war schon stärker als heute. Die Wirtschaft muss mit Reaktionen in Abstimmungen und Wahlen rechnen.

Hierzu auch:

„‚Souveränität‘ gegenüber EU – und zum Ausgleich von Marktanteilsverlusten mehr Finanzgeschäfte mit China?“ (Link)

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Der nächste Mordbefehl kann in der Schweiz ausgeführt werden. JETZT den Europarat aktivieren!

Deutschland wird zu Härte gegenüber Russland aufrufen, auch aus der Schweiz, durch die NZZ. Wie hart würde die Schweiz reagieren, wenn der nächste Mordbefehl aus dem russischen Regime in der Schweiz ausgeführt würde? – Der Bundesrat sollte sich darum bemühen, dass im Fall Nawalnyj der EUROPARAT tätig wird, dem auch Russland angehört. Zu fordern wäre zunächst das Aushandeln einer unabhängigen Untersuchung. JETZT, nicht erst wenn Putins Leute in der Schweiz zugeschlagen haben.

Weiterlesen »

Den Nutzen der Bilateralen für die nichtexportierenden Unternehmen klären

„Die Schattierung zwischen den Dachverbänden der Arbeitgeber dürfte auch Unterschiede in der Einschätzung des EU-Vertrags spiegeln“ erwartet Wirtschaftsredaktor Hansueli Schöchli in der NZZ vom 22.3.25*. „Im Gewerbeverband ist die Skepsis grösser: Für die vielen binnenorientierten Gewerbebetriebe hat der Marktzugang in der EU direkt kaum ersichtlichen Nutzen.“

Weiterlesen »