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PolitReflex Monatsbrief August 2026

Neutralitätsinitiative, Schweizer Freundeskreis Ernst Wiechert.
„Maulhelden“, „Neo-Fröntler“ – wie Befürworter der Neutralitätsinitiative ihre Gegner beschimpfen – und damit zu weiterführenden Überlegungen anregen… –
Der Aufstieg rechtsextremer Kräfte, insbesondere im Osten Deutschlands, aktualisiert Werk und Warnungen des Schriftstellers Ernst Wiechert.

«Maulhelden» seien wir Gegner und Gegnerinnen der Neutralitätsinitiative: «Der Ukrainekrieg ist ausserdem eine Gelegenheit, den Schweizer Maulhelden gegen Putin, bequem in Bern und Zürich sitzend, die Worte von Erich Maria Remarque in Erinnerung zu rufen: ‘Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.’» Dies schreibt Giuseppe Gracia, seit Jahresbeginn 2026 Herausgeber des «Schweizer Monats» und regelmässiger Gastautor im Feuilleton der NZZ. Dass er vormals Kommunikationschef des erzkonservativen Bischofs von Chur Vitus Huonder und Mitglied seines Bischofsrats war, verschweigt er im Kurz-CV im «Schweizer Monat» (Link). Zürcher Katholikinnen und Katholiken, die gegen die Bischöfe Haas und Huonder für die demokratische Landeskirche eintraten, erinnern sich daran.

Nun also «Maulhelden» – nachdem uns Roger Köppel als «Neo-Fröntler» bezeichnete (Link). Zur Erinnerung: Die «Fröntler» waren Anhänger des Nationalsozialismus in der Schweiz (mehr dazu im Historischen Lexikon der Schweiz: Link). Das passt in die russische Propaganda, welche den Krieg gegen die Ukraine und die Drohungen und hybriden Attacken gegen deren westliche Unterstützerstaaten als Weiterführung des siegreichen «Grossen Vaterländischen Kriegs» gegen die Nazis ausgibt.

«Maulhelden»… Was für ein Heldentum beanspruchen jene Befürworter der Neutralitätsinitiative, die behaupten, die Schweizer Armee könnte sich ohne Unterstützung durch militärische Kräfte des demokratischen Europas, der Nato und vielleicht künftig der EU, ab Landesgrenze gegen eine Grossmacht wie Russland verteidigen – bei Cyberwar, hybrider Kriegführung, Drohen- und Raketenbeschuss? General Guisan und dem Bundesrat war schon 1940 klar, dass dies unmöglich ist. Deshalb zogen sie nach der Kapitulation Frankreichs das Gros der Schweizer Armee ins Alpen-Réduit zurück. Die Zivilbevölkerung ausserhalb des Alpenraums wäre Wehrmacht, SS und Gestapo ausgeliefert gewesen, wenn Hitler den Angriff, für den die Wehrmacht eine Planung erstellte, befohlen hätte: Siehe hierzu Historisches Lexikon der Schweiz, „Zweiter Weltkrieg“, Abschnitt „Zweite Generalmobilmachung“, Link. Strategisch und politisch war das Réduit unvermeidlich, um im Angriffs- und Besetzungsfall ein unbesetztes Teil-Territorium der Schweiz und damit den völkerrechtlichen Anspruch auf staatliche Unabhängigkeit zu bewahren. Dass Hitler nicht angreifen liess, lag nicht nur am militärischen Aufwand, den er hierfür hätte treiben müssen, sondern auch an einem gewissen ökonomischen und industriellen Nutzen der Schweiz für Deutschland. Aber ja, die deutsche Militärführung wusste, dass sie auf militärischen Widerstand aus dem Réduit stiesse, und hatte ihre Truppen an anderen Fronten nötiger. In einem deutschen Soldatenlied hiess es: „Die Schweiz, das kleine Stachelschwein, das nehmen wir im Rückzug ein.“ In diesem Rahmen trug die Schweizer Armee dazu bei, dass die Schweiz unbesetzt blieb.

Für das 21. Jahrhundert, unter stark veränderten waffentechnischen Gegebenheiten, haben die Neutralitäts-Initianten bisher keine Réduit-Strategie vorgestellt.

Und wie steht es um das Heldentum jener, die mit Selbstverständlichkeit erwarten, dass sich bewaffnete junge Menschen anderer Demokratien Putin in den Weg stellen, wenn er angreift, und dass sie auch der Schweiz zu Hilfe kämen – allerdings unvorbereitet, denn die Neutralitätsinitiative will Vorbereitungen verbieten, wie sie General Guisan bis hin zu französischen Stellungen auf dem Gempen-Plateau und zur geplanten Unterstellung schweizerischer Truppen unter französisches Kommando tätigte?

Mit dem Remarque-Zitat unterstellt uns Gracia – wie die «Frieden»-Propaganda der Initianten –, wir wollten Krieg. Und hält denjenigen von uns, die nicht – oder nicht mehr – wehrpflichtig sind, vor, wir müssten unser Leben ja nicht aus Spiel setzen.

Dies hat zwei Aspekte:
Zum einen die Selbstverständlichkeit, mit der bejaht wird, dass Soldaten anderer Länder Putin entgegenträten und auch die Schweiz schützen würden.
Zum andern, ob sich nicht-wehrpflichtige Bürger und Bürgerinnen aus der verteidigungs- und neutralitätspolitischen Willensbildung rauszuhalten hätten. Wenn die wehrpflichtigen Jahrgänge die militärische Landesverteidigung mehrheitlich ablehnen würden, liesse sich diskutieren, dass sie nicht durch Senioren in Kriegsgefahr gebracht werden sollten. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass das Leiden der nichtkombattanten, zivilen Bevölkerung unter Krieg seit dem Ersten Weltkrieg stetig anstieg. Und wenn es zu einer Besetzung des Landes durch die Truppen eines Diktators wie Putin kommt, sind davon alle Altersgruppen betroffen, und wehrfähige Bürger eines eroberten Landes wurden oft zwangsrekrutiert: An eine Front befohlen, aber nicht zur Verteidigung des eigenen Landes, sondern zur Stärkung der Truppen des Eroberers. Mehr dazu: „Was kann einem Land widerfahren, das erobert wird?“ (Link)
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Fünf der sechs PolitReflexe, die hier beigefügt sind, gehen auf die Neutralitätsinitiative ein. Im sechsten kündige ich die Schaffung eines Schweizer Freundeskreises Ernst Wiechert an. Angesichts der Wiederaufstiegs Rechtsextremer in Europa, insbesondere aktuell in ostdeutschen Bundesländern, lohnt sich die Wiederbeschäftigung mit diesem Schriftsteller des deutschen inneren Exils, der sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzte, dessen  Aufstieg analysierte und vor einer Wiederkehr seines Ungeists, seiner Untaten warnte, mehr denn je. Wir bilden einen Schweizer Freundeskreis, weil Wiechert seine letzten Lebensjahre in der Schweiz verbrachte.

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Die PolitReflexe zu diesem Monatsbrief:

  • „Kein Krieg!“ (Link)
  • Krieg vermeiden – um jeden Preis? (Link)
  • „Neutralitätsinitiative“: Verteidigungskooperation braucht Vorbereitung (Link)
  • Nein zu Blochers Réduit-Initiative – General Guisans Réduit ist nicht mehr zeitgemäss (Link)
  • Wenn Putins Russland der Schweiz den Bergier-Bericht vorhält (Link)
  • Bildung eines Schweizer Freundeskreises Ernst Wiechert (Link)
Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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