Die Schweiz tat sich schwer, sich den Schattenseiten einer Politik zu stellen, die primär eine Besetzung der Schweiz durch Hitler-Deutschland vermeiden wollte, wodurch allerdings der „J“-Stempel und die Rückweisung jüdischer Flüchtlinge nicht zu rechtfertigen waren. Aber der Bergier-Bericht kam zustande. Weite Teile der politisch und historisch interessierten Bevölkerung stellten sich seinen Ergebnissen und nahmen sie in ein differenziertes Bild der Schweiz und ihrer Geschichte auf. Wobei es just Christoph Blocher war, der zeitweilig politisch punktete, indem er sich gegen die zeitgeschichtliche Forschung als vermeintlicher Ehrenretter der Schweizer Weltkriegsgeneration gebärdete.
Putin hingegen geht gegen unabhängige zeitgeschichtliche Forschung und Vermittlung vor. Er lässt Stalin rehabilitieren. Von einer kritischen Aufarbeitung von Schattenseiten der russischen Geschichte kann keine Rede mehr sein – obwohl es an Themen hierfür nicht fehlen würde: Hitler-Stalin-Pakt, Einmarsch in Polen, Schau- und Geheimprozesse, Gulag, nach Kriegsende Sowjetherrschaft über ostmitteleuropäische Völker, Niederschlagung des Ungarn-Aufstands und des Prager Frühlings, Überfall auf Afghanistan, Kadyrow-Diktatur in Tschetschenien mit ihren brutalen Menschenrechtsverletzungen… Schliesslich aber auch eine Politik, die zum Ende der Sowjetunion führte.
Mehr dazu:
Markus Ackeret, NZZ-Korrespondent in Moskau: „Unerwünschte Erinnerung: Die Schliessung des Moskauer Gulag-Museums entlarvt das Geschichtsverständnis der Machthaber in Russland“ (Link)
SRF: „Russisches Gericht stuft Memorial als extremistisch ein“ (Link)