Sie befinden sich hier:

Baltikum: Streben die Russen eine Klärung von Trumps Haltung an?

Als Trump dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj vorwarf, einen dritten Weltkrieg zu riskieren*, musste man sich fragen, ob er dies auch den baltischen Staaten vorhalten würde, wenn sie sich gegen einen russischen Angriff zu Wehr setzen würden. Ein provokanter Auftritt Aussenminister Lawrows lässt nun vermuten, dass die Russen Trump zu einer diesbezüglichen Klärung verleiten wollen.

Aus der Zusammenfassung der Berichterstattung der NZZ (16.8.25, Frontseite) über das Treffen Putins und Trumps in Alaska:

„(…) Allerdings erinnert das Bild der Grossmächte, die einen Staat in Osteuropa als Verhandlungsmasse gebrauchen, nicht zuletzt an die Konferenz von Jalta, die im Februar 1945 das territoriale Schicksal Polens besiegelte. Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill gaben damals Josef Stalins Druck nach. Als daran erinnernde Drohgebärde darf Lawrows Kleidung gelesen werden. Der Aussenminister traf mit einem Pullover mit der Aufschrift «CCCP» zum Gipfel ein, der russischen Abkürzung für Sowjetunion.“

Putin will Russland wieder auf die Grenzen der früheren Sowjetunion ausdehnen, und die militärische und politische Einflusszone des ehemaligen Warschauer Pakts wiederherstellen. Die westeuropäischen Demokratien sind sich dessen bewusst und stärken ihre militärische Abwehrbereitschaft. Ob baltische, nord- und mitteleuropäische Staaten bei einem Angriff Putins militärische Unterstützung durch die USA erhielten, ist offen. Im Ukraine-Krieg zeigt sich Trump gleichgültig gegenüber dem Vormarsch der russischen Armee und den Terror-Angriffen auf die Zivilbevölkerung.

„America first“ – wie weit könnte Trump Putin vordringen lassen? Überlegungen hierzu, die bei „PolitReflex“ im Dezember 2023, noch vor Trumps Wahl, angestellt wurden (Link):

„Als sicher kann gelten, dass Trump die Ukraine fallen liesse, und wahrscheinlich unternähme er auch nichts gegen eine Machtübernahme Russlands in der Republik Moldau und in Georgien.

Bevor man die Frage stellt, ob Trump den europäischen NATO-Partnern den nuklearen Schutzschild entzöge, sie also nuklearer Erpressung Russlands aussetzen würde, muss man sich mit den Interessen befassen, die Trump auch im Sinne von „America First“ wahren müsste. Es sind militärstrategische und ökonomische Interessen. Militärstrategisch: Trump müsste wohl zu verhindern versuchen, dass Russland Marine- und Luftwaffenstützpunkte an den westlichen Küsten Europas einrichtet. Ökonomisch: Die USA sind interessiert daran, dass grosse Teile Europas als Märkte intakt und zugänglich bleiben, die US-amerikanische Produkte und Dienstleistungen abnehmen.“

Einen Sonderfall könnte Polen darstellen. Trump intervenierte in die Wahl des Staatspräsidenten. Er forderte dazu auf, den EU-Gegner zu wählen. Nach der vorangegangenen Distanznahme der Administration Trump von Polen (Link) konnten Wählerinnen und Wähler unter dem Eindruck entscheiden, eine botmässige Wahl könne Voraussetzung für künftigen militärischen Beistand der USA sein.  Für den knappen Wahlsieg des EU-Gegners kann Trumps Empfehlung ausschlaggebend gewesen sein.

„Trump zu Selenskyi: ‚Sie riskieren einen dritten Weltkrieg'“ (Link)

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Erstaunlich grosses Vertrauen in China.

Roche ist in Taiwan präsent – und zieht eine Verlagerung von Forschung aus der Schweiz nach den USA oder China in Betracht, falls sich die Rahmenbedingungen für die Forschung in der Schweiz nicht bessern. Roche-CEO Severin Schwan, der dies in einem Interview mit den Tamedia-Organen in Aussicht stellt, geht damit implizit auf grosse Distanz zu politischen Beobachtern, die Krieg mit China um Taiwan oder im südchinesischen Meer für möglich oder gar wahrscheinlich erachten.

Weiterlesen »

Die deutsche Koalition an ihrem Handeln beurteilen – auch in überraschenden Krisen

Friedrich Merz wird vorgeworfen, durch die Koalitionsvereinbarung mit der SPD Wahlversprechen gebrochen zu haben. Anderseits hielt er sein Wort, die AfD nicht an Regierungsmacht zu lassen. Gebildet wurde eine den Möglichkeiten entsprechend breite demokratische Koalition. Dies ist eine gute Voraussetzung dafür, dass die neue Regierung das Nötige erkennt, durchsetzt und auch auf überraschende Krisen adäquat reagiert.

Weiterlesen »