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Zweite Welle? Vorausdenken, um Panik vorzubeugen.

Eine zweite Welle von COVID-19-Infektionen ist möglich. Das bestreitet niemand. Aber es ist erstaunlich, dass man kaum etwas hört und liest, ab welchem Wiederanstieg der Infektionszahlen man Öffnungen widerrufen würde, und wie es dann in unserer Gesellschaft und Wirtschaft weiterginge.

Ein gewisser Optimismus scheint mir berechtigt, dass die Schutzkonzepte, an die die Öffnung verbunden wird, eine zweite Welle verhindern werden. Es geht mir nicht darum, gegen die Öffnung zu argumentieren. Aber der dringende Wunsch nach Öffnung darf uns nicht daran hindern, vorauszudenken, was geschähe, wenn die zweite Welle doch käme.

Heiss umstritten wäre, wie stark der Wiederanstieg der Fallzahlen sein und wie lange er beobachtet werden müsste, bis neue Einschränkungen oder ein neuerlicher Voll-Lockdown beschlossen werden müssten.

Ein zweiter Lockdown wäre vor allem deshalb sowohl psychologisch als auch ökonomisch folgenschwer, weil zu befürchten wäre, dass man sich mit einer zweiten Lockerung schwerer täte als mit derjenigen, die uns nun bevorsteht. Es käme deswegen auch zu Infragestellungen und Schuldzuweisungen: Wurde zu früh geöffnet? Wer trägt welche Verantwortung dafür? Einige, die laut nach rascher Öffnung riefen, würden wohl die Verantwortung trotzdem auf die medizinischen Experten und auf Regierung und Verwaltung abschieben.

Weiterhin würde geltend gemacht, und durchaus mit Realitätsbezug, welch schwere Schäden, nicht nur ökonomische, sondern auch gesundheitliche, der zweite Lockdown verursachen werde. Neue Armut würde mehr und mehr sichtbar. Vermehrte Suizide würden mit der Zeit statistisch erfassbar.

Bund, Kantone, Städte und Gemeinden kämen an Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeit, zu helfen. Eine Krisensteuer müsste wohl auch in der Mitte und auf der Rechten in Betracht gezogen werden.

Der Ruf nach neuerlicher Öffnung würde vermehrt mit dem heute erst zurückhaltend vorgetragenen Argument begründet, man müsse mehr COVID-19-Todesfälle hinnehmen, um Schlimmeres zu verhindern. Die Forderung nach Durchseuchung, so problematisch sie ist, bekäme Auftrieb. Trotzdem stünde weiter im Raum, dass es nicht nur um ein früheres Sterben alter und sehr alter Menschen geht, sondern darum, wie schmerzhaft der einsame COVID-19-Tod für viele von ihnen ist.

Je mehr wir über das Szenario zweite Welle nachdenken, desto vernünftiger würden wir hoffentlich darauf reagieren.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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