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Zeitgeschichte wichtig für Gegenwartspolitik: Das Beispiel „Réduit“

Die neu entflammte Diskussion über das Alpen-Réduit, das die Schweizer Armee 1940 bezog, ist nützlich für die Beurteilung der „Neutralitätsinitiative“ der SVP. Denn die „Neutralitätsinitiative“ ist in Wirklichkeit eine Réduit-Initiative. Ihre Annahme und Umsetzung würde es der Schweiz verunmöglichen, eine wirksame Verteidigung ab Landesgrenze vorzubereiten für den Fall eines Angriffs durch die Armee einer Grossmacht. Aber entweder haben die Initianten keine Réduit-Strategie – oder sie stellen sie wohlweislich nicht vor.

Eine neue Auseinandersetzung mit dem Alpen-Réduit, das Bundesrat und General 1940 beziehen liessen, nachdem die mit der französischen Armee vorbereitete Verteidigungskooperation durch Frankreichs Kapitulation unmöglich geworden war, startete der Historiker Erich Keller in der „WOZ“. Nun leistet Jakob Tanner, emeritierter Professor an der Universität Zürich und ehemaliges Mitglied der Bergier-Kommission (Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg), unter dem Titel „Was die Schweiz aus ihrer Vergangenheit lernen muss“ einen lesenswerten Beitrag dazu, veröffentlicht im „Tages-Anzeiger“ vom 21. Februar 2026. Tanner übt teilweise Kritik an Kellers Sichtweise.

Auszüge:

„(…) Hingegen stellt der Autor (Erich Keller) richtig fest, dass es für den Fall einer deutschen Besetzung Pläne gab, «der eigenen Bevölkerung mit Militärgewalt die Zuflucht ins Reduit zu verwehren».

Diese Schiessbefehle werden vom Guisan-Biografen Willi Gautschi in seiner 1989 erschienenen Darstellung plausibel erklärt. Die Armeeleitung wusste, dass die hochmobile deutsche Wehrmacht das schweizerische Mittelland in wenigen Tagen einnehmen und die Zugänge zum Reduit abriegeln könnte. Um zu verhindern, dass der Gegner «die Armee in der Reduit-Stellung aushungert» (so der Generalstabschef Jakob Huber), feuerte Guisan «den Geist aggressiven Widerstandes im Reduit» an. In einem Memorandum an den Bundesrat schrieb er am 12. Juli 1940, er wolle mit «Gegenstössen in angriffsfreudigem Geist», begleitet von dichtem Artilleriebeschuss «das Schlachtfeld () organisieren». Konsequenterweise müsse erreicht werden, so Guisan, «dass die Bevölkerung auf keinen Fall in der Richtung auf das Reduit zurückströmt»

Das Gegenstück zum Rückzug der kombattanten Truppen in die Alpen war das Fluchtverbot, das die Armeeführung am 20. Juni 1940 verhängte. Die Zivilbevölkerung sollte fortan an Ort bleiben. Bis Mitte 1940 sah die sogenannte Limmatstellung vor, dass mitten in der Stadt Zürich mit Hunderttausenden von Einwohnerinnen und Einwohnern die grosse Abwehrschlacht gegen die Wehrmacht stattfinden sollte. Für die dort lebenden Menschen konnte mit der Reduit-Doktrin ein Horrorszenario abgewendet werden. (…)

Im Sommer 1940 geriet der General in eine prekäre Lage. Seine gefährlichsten Gegner wollten ihn loswerden und mit Korpskommandant Ulrich Wille, dem Sohn des gleichnamigen Generals im Ersten Weltkrieg, einen Berlin genehmen Oberbefehlshaber inthronisieren. Über ihre deutschen Verbindungen hatten sie brisante Informationen über Guisans hochgeheime Absprachen mit dem französischen Generalstab für den Fall einer deutschen Invasion zugespielt bekommen.

Der General rettete sich, indem er in die Offensive ging. Bereits im Juli 1940 schwenkte er unvermittelt auf den ein halbes Jahr zuvor noch abgelehnten Reduit-Plan um und polte diesen mit dem (in der Öffentlichkeit damals kaum beachteten und erst später glorifizierten) «Rütli-Rapport» auf Abwehrkampf um. Dass dies in Deutschland als «unfreundlicher Akt» ankam, ist evident. (…)“

Auf Europäisierung der Verteidigungsanstrengungen setzen

Jakob Tanner kommt zu folgenden Konsequenzen für die aktuelle Sicherheitspolitik:

„Erstens gilt es heute, alle Institutionen und Verfahren zu stärken, mit denen sich Kriege vermeiden lassen. Dazu gehört in erster Linie ein konsequenter Einsatz für Demokratie und Völkerrecht. Da sich mit einzelstaatlicher Aufrüstung und nationalen Armeen gegen aktuelle militärische Bedrohungen und hybride Kriegsführung wenig ausrichten lässt, ist zweitens auf eine Kooperationsorientierung, heute konkret auf eine Europäisierung, der Verteidigungsanstrengungen zu setzen.

Drittens sollte die Möglichkeit, aus dem Krieg der anderen Profite zu schlagen, weit strikter unterbunden werden, als dies heute auch in der Schweiz der Fall ist (Stichworte sind Hightechexporte nach und Rohstoffhandel mit Russland). Viertens muss die Geschichtsschreibung weiterhin Kritik üben an historischen Mythen, die dem Glauben huldigen, ein «Reduit» könne die Bevölkerung im Kriegsfall schützen.

Mehr dazu:

„Die ‚Neutralitätsinitiative‘ ist eine Réduit-Initiative“ (Link)

„Réduit-Strategie – heute und morgen so zwiespältig wie 1940“ (Link)

 

 

 

 

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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